Gegen das Vergessen

Der Geschichte-Leistungskurs Stufe 11 des St.-Ursula-Gymnasiums während des Besuchs der Gedenkstätte Auschwitz, um Geschichte vor Ort zu erleben. Das Vernichtungs- und Stammlager sind Ziele der Informationsfahrt.
Der Geschichte-Leistungskurs Stufe 11 des St.-Ursula-Gymnasiums während des Besuchs der Gedenkstätte Auschwitz, um Geschichte vor Ort zu erleben. Das Vernichtungs- und Stammlager sind Ziele der Informationsfahrt.
Foto: privat

Neheim..  Für das Erinnern und gegen das Vergessen: Der Geschichte Leistungskurs der Stufe 11 des St.-Ursula Gymnasiums in Neheim flog auf Einladung des Erzbischofs Hans-Josef Becker und der evangelischen Präses Annette Kurschus gemeinsam mit zwei anderen Schulen in dieser Woche für drei Tage nach Auschwitz, um Geschichte vor Ort zu erleben und damit einen Beitrag zur wichtigen Gedenk- und Erinnerungskultur zu leisten. Unterstützt wurden sie dabei organisatorisch und finanziell von der Stiftung „Erinnern ermöglichen“.

Konzentrationslager Birkenau

Nur wenige Kilometer südwestlich von Kraków (Krakau) liegt das Vernichtungslager Birkenau, das zur Zeit des Nationalsozialismus entstanden war. 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die russische Armee besucht der Geschichte-Leistungskurs diese Orte der Unmenschlichkeit.

Im Klassenzimmer herrscht am Tag nach der Rückkehr nachdenkliche, fast bedrückende Stimmung. Viel Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten, hatten sie noch nicht. Man merkt es den Schülern an, dass das auch noch eine Weile dauern wird.

Eine irreale Situation

Für viele von ihnen war die Situation einfach irreal – sie konnten nicht glauben, wirklich an dem Ort zu sein, an dem mehr als 1,1 Millionen Menschen auf qualvolle Art und Weise systematisch ermordet wurden. „Als ich in die sogenannten Duschen ging, war das ein Gefühl, das sich kaum beschreiben lässt. Hier, genau dort, wo ich gerade stehe, sind die unschuldigen Menschen ermordet worden“, erzählt Hannah Meßhelke.

Die Guides beschrieben den Schülern auch bei der Besichtigung des Auschwitz-Stammlagers alles sehr detailliert. „Sie ließen nichts aus. Aber warum sollten sie uns die schreckliche Wahrheit auch vorenthalten?“, sagt Konstantin Ketzer. „Danach war man noch geschockter als vorher. Man wird von den Informationen förmlich erschlagen.“

Im Normalfall bleiben Schüler von diesen „krassen“ direkten Eindrücken der Judenvernichtung und des Holocaust verschont. Bei der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus sehen sie „nur“ Bilder und lesen Texte. Sie sind in einer „heilen“ Welt aufgewachsen und können sich nicht wirklich vorstellen, dass damals eine solche Mordmaschinerie real existierte.

Die SUG-Schüler wurden damit nun mit voller Wucht konfrontiert. „Ich konnte die Schüler auf der Fahrt aus Distanz beobachten und sehen, wie sie in sich gehen, versuchen ihre Gedanken zu ordnen“, erklärt der begleitende Lehrer Fabian Timpe.

Treffen mit Zeitzeugin

Während ihres Aufenthaltes trafen sie auch die 90-jährige Zeitzeugin Zofia Posmysz - eine Begegnung, so sagen die Schüler, die sie sehr beeindruckt hat. „Diese Generation hat noch das Glück, Menschen aus der Zeit des 2. Weltkrieges hautnah zu befragen“, so Timpe.

Als die Deutschen in Krakau einmarschiert waren, wurden alle höheren Schulen geschlossen. Zofia nahm also Untergrundunterricht, der illegal war. Aus diesem Grund sei sie später von der Gestapo festgenommen und nach Auschwitz deportiert worden. Im Arbeitslager habe sie in einer Küchenbaracke gearbeitet. Da die Menschen dem Hungertod nah waren, ergriff sie die Gelegenheit und brachte den Kindern heimlich Brot. Die Häftlinge, die zusammengepfercht in den Baracken lebten, hielten zusammen. Zofia habe aufgrund extremer hygienischer Verhältnisse, Seuchen, Krankheiten und Hunger sehr viele Menschen sterben sehen. Schüler Konstantin Kretzer beschreibt: „Sie hat keine Opferrolle eingenommen. Sie hat sehr sachlich über ihre Geschichte gesprochen - eine faszinierende Frau“.

Info

Auschwitz-Birkenau war das größte deutsche Vernichtungslager. 1,1 Mio Menschen, darunter eine Million Juden, wurden in Birkenau ermordet.


Etwa 900.000 der Deportierten wurden direkt nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet.

Weitere 200.000 Menschen kamen zu Tode durch Krankheit, Unterernährung, Misshandlungen, medizinische Versuche oder wurden später als zur Arbeit untauglich selektiert und vergast.