Es gibt immer weniger Feldvögel

Hochsauerlandkreis..  Wenn der Normalbürger noch schläft, ziehen sie in diesen Frühlingswochen wieder durch Wald und Feld: die Vogelkundler des Vereins für Natur- und Vogelschutz (VNV). In jedem Jahr untersuchen sie im gesamten Hochsauerlandkreis mehr als 50 ausgewählte Brutvogelarten und erfassen möglichst genau deren Brutverbreitung im Kreisgebiet.

Dabei lassen sich gegensätzliche Trends in der Verbreitung von Vogelarten erkennen. Dies ergaben die Auswertungen aus dem Vorjahr, die die Ornithologen im April bei ihrem Jahrestreffen in Marsberg-Bredelar zusammentrugen und diskutierten. „Während viele Arten der Feldflur zurückgehen oder bereits ausgestorben sind, nehmen einige Vogelarten der Gewässer zu“, zog Friedhelm Schnurbus aus Medebach Bilanz.

Der dramatische Rückgang vieler Vogelarten, die früher auf unseren Wiesen und Feldern weit verbreitet waren, setzte sich auch 2014 weiter fort. Vom Rebhuhn zum Beispiel gab es im letzten Jahr weder aus der Medebacher Bucht noch aus dem Raum Marsberg Beobachtungen, ebenso erstmals seit Jahren keine Frühjahrsbeobachtung mehr von Kiebitzen. Jahrhunderte lang war diese attraktive Vogelart der Feuchtwiesen fester Bestandteil der Brutvogelwelt des Sauerlandes.

Warum steht das Rebhuhn bei uns kurz vor dem Aussterben und teilt vielleicht bald das Schicksal von Kiebitz, Grauammer und Co? Warum sind weitere Arten wie Braunkehlchen inzwischen nur noch in wenigen Naturschutzgebieten des Kreises zu finden. Der Artbearbeiter des Rebhuhns, Franz Giller aus Marsberg, erläutert: „Die industrielle Landwirtschaft fordert weiter ihren Tribut. Für das Rebhuhn fehlen beispielsweise in unserer ausgeräumten Landschaft Deckung und Nahrung – sowohl Sämereien im Winter als auch Insekten für die Jungenaufzucht.“ Und der Kiebitz benötige Feuchtwiesen zur Nestanlage. Als diese praktisch nicht mehr existierten, seien die Vögel auf Äcker ausgewichen. Die Äcker boten mit ihrer spärlichen Pflanzendecke im Frühjahr zu Brutbeginn einen verlockenden Lebensraum für den Kiebitz. Schnell wurden die Ackerpflanzen aber zu hoch – die Kiebitze gaben den Brutplatz dann auf oder hatten keinen Bruterfolg. Der Artbearbeiter des Braunkehlchens, Friedhelm Schnurbus aus Medebach, ergänzt: „Auch für das Braunkehlchen ist die intensive Landwirtschaft tödlich. Dieser kleine Wiesenvogel baut sein Nest erst Mitte Mai in feuchten, mageren Wiesen. Zu diesem Zeitpunkt hat die erste Mahd aber meistens schon stattgefunden.“ Spätestens mit der zweiten oder dritten Mahd würde ein Nest schließlich ausgemäht.

Zwergtaucher profitieren

Erfreulich sieht die Lage bei einigen Vogelarten der Fließ- und Stillgewässer aus, die die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft des VNV 2014 genau kartiert hat. So profitieren Zwergtaucher und Eisvogel von den Renaturierungen der Flüsse. Besonders die Ruhr zwischen Meschede und Arnsberg-Neheim stellt einen Verbreitungsschwerpunkt dieser Vögel dar – vom Eisvogel gab es allein 13 Brutnachweise im Arnsberger Teil der Ruhr. „Dass verschiedene Gänsearten wie Rost- und Nilgans nun das Sauerland besiedeln und inzwischen selbst in den Stadtgebieten Schmallenberg und Winterberg anzutreffen sind, hängt mit einer allgemeinen Ausbreitungsbewegung dieser Arten zusammen“, erläutert Gänse-Bearbeiter Bernhard Koch aus Arnsberg.

Geeignete Lebensräume

Diese Gänse sind genauso wie die Grau- und Kanadagänse im Diemel- und Ruhrtal Nachkommen von Gefangenschafts-Flüchtlingen oder gehen auf Aussetzungen im Tiefland zurück. Sie finden bei uns geeignete Lebensräume und werden hier heimisch.

Auch für die Brutzeit 2015 haben sich die Vogelkundler des VNV viel vorgenommen. Die rund 50 ausgewählten Vogelarten sollen in den kommenden Monaten wieder genau unter die Lupe genommen werden, um Aussagen über ihre Verbreitung und ihre Bestandsentwicklung treffen zu können. Eine dieser Arten wird wie in den Vorjahren der Rotmilan sein. Diese Art hat noch gute Bestände im HSK – allein im Stadtgebiet Marsberg fanden die Ornithologen 2014 29 Brutplätze. Giller: „Auf diese Art kommt eine neue Bedrohung zu, nämlich wenn Windkraftanlagen in ihrem Revier errichtet werden. Damit das Risiko von Kollisionen mit den Rotorblättern für diesen schönen Greifvogel verringert wird, ist es nötig, die Verbreitung des Rotmilans möglichst genau zu kennen.“ Am Rotmilan werde also besonders deutlich, dass die Forschungen über die Verbreitung von Vogelarten eine der Grundlagen sei für deren Schutz.