Erwachsen auf Probe geht auch mit Baby-Simulator
06.06.2009 | 13:46 Uhr 2009-06-06T13:46:00+0200
Arnsberg. Heiße Diskussionen um die RTL-Sendung „Erwachsen auf Probe”, bei der Teenager mit Babys üben, wie es ist, in jungen Jahren für ein kleines Kind verantwortlich zu sein. Dass solche Erfahrungen auch ohne die viel kritisierte Benutzung echter Säuglinge funktioniert, beweist Arnsberg.
Rund 100 Jugendliche übten in Arnsberg schon — ernsthaft und ohne Show-Einlagen — mit „Baby-Simulatoren”.
Teenagerschwangerschaften sind ein echtes Problem. Wer in ganz jungen Jahren bereits ein Kind bekommt, verbaut sich in den meisten Fällen eine gute Schulbildung, und damit sinken auch die Chancen, später einen guten Job zu bekommen. Dabei, das wissen Renate Alliger-Friebe und Marion Treue vom Arnsberger Kinder-, Jugend- und Familienbüro, sind Teenagerschwangerschaften nicht unbedingt ein „Unfall”, der durch mangelhafte Verhütung entstand.
Oftmals sind die Babys echte Wunschkinder — die minderjährigen Mütter hoffen so auf Anerkennung, sehnen sich nach Behütung und Geborgenheit einer Familie. Und oft gibt es auch einen Nachahmungseffekt, so wie er sich gerade jetzt wieder andeutet.
"Baby-Bedenkzeit"
Nachdem im Jahr 2007 die Zahl der Teenagerschwangerschaften in Arnsberg auf das Rekordtief von einer einzigen gesunken war, zählte man beim Jugendamt der Stadt im vorigen Jahr bereits sechs Schwangerschaften minderjähriger Mütter. Und in den ersten fünf Monaten dieses Jahres waren es schon wieder sechs — Tendenz also steigend.
Kinder bekommen: Ja. Aber doch wohl eher später, vielleicht mit 27 oder 28 Jahren. Da sind sich Cindy, Diana, Sarah, Nicole und Ramona einig. Die 15-jährigen Mädchen nahmen vor einigen Monaten an der „Baby-Bedenkzeit” des Jugendbüros teil. Waren fünf Tage lang „Mütter”, so wie die Teenager in der RTL-Doku-Soap.
Mit einem gravierenden Unterschied: Sie betreuten keine echten Kinder, die für diese Zeit ihren Eltern weggenommen wurden.
Programmierte Puppen weinen, nörgeln, heulen
Sie hatten Baby-Simulatoren in Form von Spielpuppen — und die hatte es in sich. „Diese Simulatoren ermöglichen ein sehr intensives Rollenspiel”, sagt Marion Treue vom Jugendbüro. Im Bauch sitzt ein kleiner Computer, der so programmiert ist, dass er das „Baby” alle paar Stunden schreien lässt, wenn es Hunger hat. Ein Computer, der die Puppe nörgeln lässt, wenn ein Baby sich üblicherweise nach Zuwendung sehnt; der sie quaken lässt, wenn die Windel gewechselt werden muss und der sie heulen lässt, wenn sich Zahnschmerzen ankündigen — der den Babysimulator aber auch zufrieden glucksen lässt, wenn alles gut gemacht wurde.
Nur die jungen Mädchen, die in dem Rollenspiel „Mutter auf Zeit” sind, können den Baby-Simulator befriedigen. Dafür sorgt ein Erkennungs-Chip, der unablöslich während des fünftägigen Experiments am Arm befestigt ist.
„Erst habe ich gedacht: Das ist ja witzig”, sagt Cindy, eine der Teilnehmerinnen. „Aber dann habe ich ganz schnell gemerkt: Da muss man sehr aufmerksam sein. „Das war manchmal total nervig, wenn die mitten in der Nacht anfingen zu schreien”, erinnert sich Diana. „Da war immer so eine Ungewissheit. Höre ich auch, wenn es schreit?”, schildert Nicole. „Wenn Freunde am Wochenende da waren — die fanden das nervig, wenn es weinte”, sagt Ramona. „Man konnte nicht ruhig schlafen- aber es war auch schön, wenn man alles richtig gemacht hat”, fasst Sarah ihre Eindrücke zusammen.
Simulatoren reichen aus
Nach drei Tagen mit den Baby-Simulatoren sahen auch ihre Mitschüler aus der neunten Klasse der Hüstener Realschule, dass das alles andere als ein Spaß war. Manche kamen mit Ringen unter den Augen in die Klasse, weil sie eine lange Nacht mit ihrem „Baby” verbrachten. „Es war sicher nicht total abschreckend — aber uns wurde deutlich, dass wir vielleicht doch noch ein paar Jahre älter werden sollten, bis wir ein eigenes Kind bekommen”, lautete für die jungen Teilnehmerinnen ein Fazit.
Und: Wäre das Experiment, an dem sie teilgenommen haben, wohl anders verlaufen mit einem echten Baby? „Wir wären sicher noch vorsichtiger gewesen, hätten die Last der Verantwortung mit einem fremden Kind gespürt”, sagt Cindy. Aber: „Mit den Simulatoren ist das vollkommen ausreichend. Und für Eltern und Babys sicher auch viel besser.”

0mitdiskutieren