„Entscheidend ist Lebensqualität in der Pflege“

Mitarbeiter und Bewohner von Pflegeeinrichtungen sollen künftig in die Bewertung der Häuser mit einbezogen werden. Unser Foto aus dem Caritas-Seniorenheim St. Anna zeigt (von links) Ursula Kilich, Alex, Leoni und Matilda Kolberg.
Mitarbeiter und Bewohner von Pflegeeinrichtungen sollen künftig in die Bewertung der Häuser mit einbezogen werden. Unser Foto aus dem Caritas-Seniorenheim St. Anna zeigt (von links) Ursula Kilich, Alex, Leoni und Matilda Kolberg.
Foto: WP Ted Jones

Arnsberg/Sundern. „.  Der nächste Schuss muss sitzen“, meint CDU-Politiker Karl-Josef Laumann mit Blick auf die anstehende Reform der Pflegenoten. Doch sind die Forderungen des Pflegebeauftragten der Bundesregierung realistisch und umsetzbar? Wir sprechen darüber mit Ulrich Sölken – Leiter Pflege & Wohnen beim Caritas-Verband Arnsberg/Sundern.

Das 2009 eingeführte Notensystem „sei übers Knie gebrochen worden“, meint Karl-Josef Laumann (CDU), Pflegebeauftragter der Bundesregierung. Teilen Sie seine ­Meinung?

Ulrich Sölken: Ob das 2009 eingeführte Notensystem übers Knie gebrochen wurde oder einfach nur unprofessionell entwickelt und eingeführt wurde, ist im Nachgang betrachtet relativ uninteressant. Fest steht, dass dieses System eine Menge an wertvoller Zeit und damit Geld verschlungen hat, ohne dass das Ziel – Qualität der Pflege in Einrichtungen und Diensten transparent und nachvollziehbar zu machen sowie die individuelle Situation des Pflegebedürftigen zu berücksichtigen – auch nur im Ansatz erreicht wurde. Bei dem bisherigen Notensystem wurden grobe handwerkliche Fehler gemacht, mit dem Ergebnis, dass die Qualität, oder besser gesagt, die Vollständigkeit eines Dokumentationssystems mit Hilfe eines, für den Außenstehenden nicht zu durchblickenden Berechnungssystems, bewertet wurde. Es wurden also schlicht und ergreifend Dokumentationsvollständigkeit und Pflegequalität verwechselt.

Das Notensystem hat 12 000 Heimen im Schnitt die Note 1,3 gegeben. Ist eine solch positive Bewertung realistisch und hilfreich?

Wenn man das Prüfsystem, die Technik der Datenerhebung und das anschließende Berechnungsmodell für die Erstellung der Noten einmal genau betrachtet und den (Un-)Sinn dieses Systems verstanden hat, dann kann es durchaus realistisch sein, dass 12 000 Heime eine Durchschnittsnote von 1,3 bekommen haben. Diese Note sagt ja lediglich aus, dass das Dokumentationssystem in diesen Einrichtungen vollständig geführt wird. Ob diese Aussage für die Bewohner und Angehörigen tatsächlich von elementarer Bedeutung und damit hilfreich ist, wage ich zu bezweifeln. Für die meisten Menschen, mit denen wir im Arbeitsalltag sprechen, ist die Lebensqualität in der Pflegesituation – egal ob in stationären oder ambulanten Bereichen – das entscheidende Kriterium; nicht, ob eine Mappe mit vielen Blättern vollständig gefüllt ist.

Als Alternative soll ab 2016 ­zunächst eine „Kurzzusammen­fassung der Leistungen“ (etwa eine Seite Text) die Note ersetzen. Ist diese Änderung aus Ihrer Sicht eine Verbesserung?

Zunächst einmal finde ich es, sagen wir einmal – befremdlich, dass, wenn man einen Fehler erkannt hat (dass die Pflegenoten ein Fehler waren, darüber besteht ja nun breite Einigkeit) der zudem noch eine Menge an wertvoller Zeit und damit auch Geld verschwendet, dass man diesen Fehler, nachdem man ihn bemerkt, nicht sofort abstellt, sondern noch weitere neun Monate (!) bestehen lässt. Sie können sich vor­stellen, was passieren würde, wenn unsere Pflegefachkräfte genau dieses in ihrer täglichen Arbeit so tun würden... Weiterhin entbehrt es, meiner Einschätzung nach, einer gewissen Logik, dem bisherigen System nachzusagen, es sei über das Knie gebrochen worden, und dann ein Übergangssystem einzuführen, welches wohl auch in der kurzen Zeit nicht wirklich auf solide Grundlagen gestellt werden kann. Der Platz für die Fragen, die ich zu einem solchen Übergangssystem habe, reicht hier an dieser Stelle nun wirklich nicht aus...

An der jährlichen Prüfung soll festgehalten werden – wie kann eine solche Überprüfung aus Ihrer Sicht angelegt sein, welche Schwerpunkte müssten gesetzt werden – und wie lassen sich die Ergebnisse sinnvoll dokumentieren?

Eine regelmäßige Einschätzung der Pflegequalität halte ich schon für sinnvoll und für alle Beteiligten hilfreich. Wie eine solche Einschätzung in geeigneter Weise vorgenommen werden kann, muss das Ergebnis eines systematischen Entwicklungsprozesses sein und die verschiedenen beteiligten Perspektiven berücksichtigen. Das bedeutet, dass ein solches System (pflege-)wissenschaftlich fundiert sein muss und nicht von (betriebswirtschaftlichen) Einzelinteressen geleitet sein darf. Selbstverständlich müssen die dann aufgestellten Qualitätskriterien – und diese werden sich nicht schwerpunktmäßig auf die Dokumentation beziehen, sondern auf die direkte Interaktion von Pflegebedürftigen und Pflegepersonal – auch von den Kostenträgern refinanziert werden. Qualitätssystem und Refinanzierungssystem müssen sich entsprechen. Es kann nicht sein, dass hohe Qualitätsstandards gefordert werden, die Erbringung dieser ­Leistungen jedoch nicht adäquat refinanziert wird.

Dieses gilt auch für die Art der Dokumentation. Die Art der Dar­stellung muss für diejenigen transparent und vergleichbar sein, denen sie in der Praxis helfen soll.

Laumann fordert, Patienten und Pflegemitarbeiter künftig in die Qualitätsbewertung mit einzubeziehen? Macht das Sinn – und wie lässt sich das regeln?

Eine Qualitätsbewertung ohne die Integration der primär Beteiligten in einer solchen Bewertung zu verankern, halte ich für wenig zielführend. Ist doch ein entscheidender Faktor, wie der Pflegeprozess und das Ergebnis der Pflege von den Bewohnern und den Pflegemitarbeitern eingeschätzt werden. Wenn ein System wirklich Sinn ergeben soll, müssen bei der Einschätzung auch Patienten und Mitarbeiter zu Wort kommen. Wie ein solches Prinzip dann zu realisieren ist, muss ebenfalls das Ergebnis des systematischen Erarbeitungsprozesses mit den verschiedenen Experten – und dazu gehören Pflegewissenschaft, Pflegepraxis, Pflegeempfänger, Pflegeanbieter und Kostenträger – erarbeitet werden.