Dreimal dem Tod knapp entronnen

Herdringen..  Es war der 21. Januar 1945, der zum Schicksalstag für die Familie Narbutt wurde. Die Familie wohnte an der Dienerstraße im Zentrum der westpreußischen Stadt Elbing, als gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die ersten russischen Panzer in der 30 000-Einwohner-Stadt auftauchten. Aus Angst vor russischen Verbrechen an der Zivilbevölkerung entschloss sich Dorothea Narbutt, möglichst schnell mit den Kindern Elbing zu verlassen. Sie packte das Notdürftige zusammen und machte sich bei bitterer Kälte (draußen herrschten 20 bis 30 Grad Minus) auf einen 20 Kilometer langen Fußmarsch nach Tiegenhof. Auf einem Schlitten saß damals der neunjährige Horst Narbutt, der heute am Antoniusweg in Herdringen wohnt.

Im Viehwaggon geflohen

„Wir waren zu dritt unterwegs: Meine Mutter, meine drei jahre ältere Schwester und ich. Mein Vater, er war Reichsangesteller im Arbeitsamt, blieb zunächst zurück in unserer Mietwohnung und kam später nach. Mein Bruder Gerd war damals bereits Soldat in der Wehrmacht“, erzählt Horst Narbutt. Der heute 80-Jährige erinnert sich, wie er mit Mutter und Schwester in Eiseskälte einen von zahlreichen offenen Viehwaggons bestieg, in denen die Flüchtlinge zum schnellen nächtlichen Weitertransport zusammengepfercht wurden.

„Bei der Fahrt Richtung Danzig wäre meine Mutter fast erfroren, wenn andere Flüchtlinge und Helfer durch Reiben und Massieren den Körper meiner Mutter nicht am Leben gehalten hätten Die Kinder durften windgeschützt in der Waggonmitte stehen“, berichtet Horst Narbutt.

Gustloff-Katastrophe entgangen

Nach dieser abenteuerlichen Fahrt konnten die Narbutts tags darauf in einem normalen Personenzug umsteigen, wo die Flüchtlinge von den Bahnreisenden mit Nahrungsmitteln versorgt wurden. Letztlich kam die Familie Narbutt in Danzig an und wurde erst mal wie andere Flüchtlinge im großen Kino „Uferpalast“ untergebracht. Hier entkam die Familie ganz knapp dem Tod, weil sie sich von dort in Richtung Verwandte in Zopot aufmachte und wenige Stunden später das Kino bei einem Bombenangriff komplett zerstört wurde. „Es gab dort viele, viele Tote“, erzählt Horst Narbutt.

Am 30. Januar 1945 entrinnt die Familie zum zweiten Mal ganz knapp dem Tod. „Wir fuhren zum Danziger Hafen und wollten mit dem Passagierschiff Wilhelm Gustloff fliehen, das später aber von einem sowjetischen U-Bott versenkt wurde. 9000 Menschen starben damals. Ich stand mit meiner Schwester schon auf dem Schiff, doch meine Mutter war in dem Menschengedränge nicht aufs Schiff gelangt. Deshalb liefen meine Schwester und ich zurück zu unserer Mutter und blieben in Danzig - zu unserem großen Glück.“

Zwei Tage später bestiegen die Narbutts dann im Danziger Hafen das Passagierschiff „Potsdam“, mit dem sie nach Rügen fuhren. Von dort ging es dann weiter nach Grevesmühlen in Mecklenburg. Hier war dann zum dritten Mal das Schicksal den Narbutts sehr wohl gesonnnen. Die Familie wurde in ein Privathaus nahe einer Eisenbahnbrücke einquartiert. Wegen Erledigungen in der Stadt verließen die Narbutts kurzzeitig das Haus und als sie wiederkam,en, lag das Haus in Schutt und Asche. Denn bei einem Bombenangriff auf die Brücke war das benachbarte Wohnhaus voll getroffen worden. Die Frau, die die Narbutts aufgenommen hatte, starb in dem Gebäude.

Nach Grevesmühlen kam schließlich auch Vater Narbutt nach, doch in seinem Flüchtlingstreck zog er sich bei eisigen Temperaturen auf einem Pferdefuhrwerk eine schwere Lungenentzündung zu, an der er wenig später in Grevesmühlen starb.