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Der Zauberer spielt Luftgitarre, und die Hexe denkt an ihren Ruf

25.05.2012 | 17:02 Uhr
Der Zauberer spielt Luftgitarre, und die Hexe denkt an ihren Ruf
Der König (Lothar Molin) und die Hexe (Ingo Tillmann) beraten sich auf Freilichtbühne Herdringen.

Arnsberg.  Die Freilichtbühne Herdringen startet am 27. Mai mit dem Kindermusical Rabatz im Zauberwald in die neue Saison. Der Zauberer spielt Luftgitarre, die Hexe denkt an ihren Ruf - und dahinter steckt ein Familienbetrieb.

Die Hexe kriegt die Stoffbeutel nicht vom Gürtel, in denen sie ihre Zaubertrank-Utensilien aufbewahrt. „Was hab ich denn da wieder getüddelt?“, ruft Darsteller Ingo Tillmann ins Publikum. Inszeniert oder improvisiert? Diese Frage werden die Besucher der Freilichtbühne Herdringen garantiert nicht beantworten können. Am Sonntag feiert das Kinderstück „Rabatz im Zauberwald“ Premiere.

In Herdringen beginnt eine neue Ära. Erstmals wird auf der Bühne gesungen, nicht nur im Märchen, sondern auch im Erwachsenenstück „My Fair Lady“. Für Tim Erlmann, gebürtiger Neheimer und Düsseldorfer Musicalsänger, ist es eine spannende Herausforderung, die Laien in Stimmbildung und Gesang zu unterrichten. „Es ist erstaunlich, was da für Talente stecken, was mit ein bisschen Anleitung zu erarbeiten ist. Das ist unglaublich faszinierend für mich“, begeistert sich der Bühnenprofi.

Singen bedeutet ja mehr, als nur im Chor zu schmettern. „Musical, das ist Show, nicht einfach nur Schauspiel. Da gibt es große Unterschiede in der Darstellung. Regie, Choreographie und Musik ergänzen sich inzwischen gut“, freut sich Erlmann, der mit der Gruppe Voice Selection auftritt. Erlmann ist auch für die Arrangements verantwortlich, einige Soli hat er gestrichen, peppige Rhythmen hineingebracht und die Chorsätze aufgeteilt.

„Rabatz im Zauberwald“ ist ein Kindermusical von Wolfgang Barth, das 1997 auf der Freilichtbühne Hamm-Heessen uraufgeführt wurde. Die Herdringer machen daraus ein rockiges Märchen mit einem bösen Zauberer, der aussieht wie Elvis und Luftgitarre spielt sowie mit frechen Ratten, die Rotkäppchen, Dornröschen und Co. ihre Geschichten klauen.

Schräge Rolle

Ingo Tillmann ist als Hexe erstmals in Frauenkleidern auf der Bühne unterwegs. „Ich habe schon mehrere schräge Rollen gespielt“, konstatiert der Lagerist und Logistiker, der ein geborenes Theatertalent ist. Auf den hohen Absätzen stöckelt Tillmann virtuos durchs Gelände, „auch wenn ich jedes Mal froh bin, wenn ich die flachen Schuhe wieder anhabe“. Nur das gebückte Gehen hat der Hexe anfangs Sorgen bereitet - ein Schauspieler muss in den Bauch atmen können, damit die Stimme trägt.

Die Freilichtbühne Herdringen ist sozusagen ein Familienunternehmen. 80 Darsteller machen „Rabatz“, sie sind zwischen zwei und 72 Jahren alt. „Insgesamt hat die Bühne 250 aktive Mitglieder“, berichtet Sprecher Christian Albrecht. Sabine Rehberg ist als gestiefelter Kater und als Maskenbildnerin im Einsatz. „Meine beiden Kinder und mein Mann spielen auch mit, die ganze Familie ist infiziert mit dem Freilichtbühnen-Fieber. Den Kindern tut das gut, die Lehrer sagen, dass man es bei unserer Tochter merkt, sie redet freier, ist selbstbewusster geworden.“

Georg Plümpe ist im Hauptberuf Informatiker und im Nebenberuf mit 38 Jahren Freilichtbühnen-Erfahrung der dienstälteste Akteur in Herdringen. „Das Ganze ist wie eine große Familie, die Stimmung ist gut, wir haben eine tolle Gemeinschaft. Das ist der Ausgleich für die zeitaufwendige Probenarbeit und die viele Arbeit drumherum.“ Allein 700 Stunden haben die Schneiderinnen damit verbracht, die Kostüme zu nähen. „Jeder wird gebraucht“, unterstreicht Christian Albrecht.

Regisseur und Dompteur

Regisseur Peter Hohenecker inszeniert im fünften Jahr in Herdringen. Seine Frau Birgit Simmler ist langjährige Regisseurin der Freilichtbühne Hallenberg, das Ehepaar hat die sauerländische Theaterszene damit fest im Griff. „Die Emotionen können über das Medium Musik deutlich besser rübergebracht werden“, schildert Hohenecker, warum ihm die Herausforderung Musical am Herzen liegt. Er führt das Ensemble geschickt über die große Szene und hat sich eine Vielzahl von ebenso liebevollen wie überraschenden Inszenierungs-Details ausgedacht, die das Publikum verzaubern werden. Beim Kinderstück ist Hohenecker naturgemäß besonders gefordert, denn allein 50 Jungen und Mädchen müssen als Bühnen-Ratten gebändigt werden. „Bei der Arbeit mit Kindern ist man Regisseur, Animateur und manchmal auch Dompteur“, schmunzelt er.

Widerwillig lässt sich die Hexe überreden, ihr geplündertes Knusperhäuschen zu verlassen und Mitglied bei der Märchenpolizei zu werden. Ob sich wohl hinter der rauen Schale ein gutes Herz verbirgt? Noch jedenfalls legt die Hexe ein extragrimmiges Verhalten an den Tag: „Schließlich muss ich auch an meinen Ruf denken.“

Monika Willer



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