Alte Adler

Oeventrop..  Wenn in diesen Tagen, angeregt durch Ereignisse von vor siebzig Jahren, viele Erinnerungen wieder wach werden, erzählen manche alten Adler - frei von Ideologien - wie schön ihre ersten Flüge waren.

Auch beim Luftsportclub Oeventrop. Hier treffen sich alle vierzehn Tage langjährige Mitglieder zum „Seniorenfliegen“ auf dem Segelflugplatz auf den Ruhrwiesen. Lässt das Wetter es zu, wird geflogen - andernfalls geklönt. Rudi Kaerger, ein Urgestein und somit einer der wenigen noch lebenden Gründungsmitglieder des mittlerweile sechzigjährigen Vereins, berichtet gerne von seinen ersten Sprüngen mit dem heute legendären Schulgleiter SG 38 in Schlesien. Wegen seiner bekannt bildhaften Sprache ist das immer wieder spannend, so dass er seine Zuhörer mit seinen Geschichten „von früher“ schnell fesselt.

Alle vierzehn Tage Treffen

Rudi Kaerger, der es als „Breslauer Lerge“ im Zuge von Vertreibung und Flucht bis nach Oeventrop schaffte, wurde jüngst 85 Jahre alt. Bei einem späteren „Dienstagsfliegen“ überraschte ihn dann Otto Enste, ehemaliger Fluglehrer des LSC und somit langjähriger Wegbegleiter Kaergers, mit einem selbstgebauten Model des Schulgleiters. Es ist kein Modell aus dem Baukasten, für das ein bis zwei Tage Bastelarbeit nötig sind. Es ist ein Unikat:

Aus einer Plexiglasscheibe hatte Otto Enste den Rumpf herausgefräst, einschließlich des Spannturms. Die Flächen waren ebenso aus der Scheibe geschnitten und von Enste per Hand auf Profil geschnitten. Die bekannten Spanndrähte fehlen ebenso wenig wie Steuerknüppel und Pedale. Der Clou: Das Seitenruder kann sogar über die Pedale und die nachgebauten Steuerseile bewegt werden. Wie beim Original sind am Seitenruder kleine Federn - ebenfalls Marke „Eigenbau“ - angebracht.

Filigranarbeit von Otto Enste

Die alten Oeventroper Adler des „Seniorenfliegens“ waren über das Geschenk und die Idee, sich an solch ein filigranes Modell heranzuwagen und zu bearbeiten, ebenso baff wie Rudi Kaerger . Zum zeitlichen Aufwand kam von Otto Enste aber nur sein bekanntes, stilles Lächeln. „Experten“ vermuten aber, dass er mehrere Tage bis Wochen an diesem Modell gearbeitet hat.

Zur Vorbereitung hatte Enste übrigens beim letzten Flugtag in Oeventrop zahlreiche Detailfotos von einem echten „SG 38“ gemacht und natürlich alles, was an Bauplänen zur Verfügung steht, aus dem Internet geladen und studiert. Die Plexiglasscheibe - der Grundbaustoff für das Modell des SG 38 - stammt übrigens aus einem defekten Flachbildschirm.

Rudi Kaerger hatte zwar bereits in Schlesien geflogen, doch wenn er seine Erinnerungen anbringt, werden viele Erinnerungen lebendig, da auch die Oeventroper Segelflieger schon Anfang der 1930er Jahre auf einem selbstgebauten Schulgleiter in Meschede-Schüren geflogen waren.

Man kann also sagen, dass ein Stück Lebensgeschichte - aber auch Vereinsgeschichte des LSC Oeventrop - in Miniaturformat wieder lebendig geworden ist.

Info

Der Schulgleiter „SG 38“ ist wahrscheinlich das am weitesten verbreitete Flugzeug der Alleinflugausbildung der 1940er-Jahre.

Dieses Gleitflugzeug wurde ab 1936 entwickelt und ab 1938 in großer Stückzahl sowohl im Amateur- als auch im Industriebau hergestellt.

Der SG 38 wurde hauptsächlich zur Anfängerschulung eingesetzt.

Die Abkürzung SG bezieht jedoch nicht etwa auf Schulgleiter, sonder auf den Konstrukteur Edmund Schneider in Grunau.

Derzeit gibt es noch mehr als ein Dutzend flugfähige SG 38 in Deutschland.

Info zum Luftsportclub Oeventrop: www.lsc-oeventrop.de