70 Jahre Kriegsende - Schwere Panzer rollten in Arnsberg ein

Mit dem Einmarsch der Amerikaner endet am 12. April 1945 die NS-Herrschaft in Arnsberg.
Mit dem Einmarsch der Amerikaner endet am 12. April 1945 die NS-Herrschaft in Arnsberg.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
„Am 12. April 1945 um etwa 15 Uhr wurde Arnsberg nach dreitägigem Artilleriebeschuss von amerikanischen Truppen genommen.“ Ein nüchterner Satz im Tagebuch von Prof. Hartmut Jäckel.

Arnsberg.. Ein Satz, hinter dem sich Leid, aber auch große Erleichterung verbergen. Man hat schließlich überlebt. Der Jurist und Politikwissenschaftler, heute in Berlin zu Hause, erlebt damals als 14-jähriger Obertertianer des Laurentianums das Kriegsende in der Regierungsstadt. Und hält diese bewegte Zeit akribisch in einer Kladde fest.

Doch bis Hartmut Jäckel das Ende des Krieges in Worte und Sätze fassen kann, muss er mit seiner Familie auch persönlich eine schwere Zeit verbringen: Aufgrund der heftigen Luftangriffe auf seine Heimatstadt Dortmund wird Jäckel 1943 kinderlandverschickt - in den kleinen Flecken Vogelsang auf der Frischen Nehrung. Aber dort rückt später die Rote Armee in unvorstellbarer Geschwindigkeit heran. Jäckel gelangt über die Station Fulda schließlich nach Arnsberg. Hier findet er mit seinen zwei Brüdern und der Mutter Unterkunft in einer Zwei-Zimmer-Wohnung an der Ruhrstraße. Doch der Krieg bleibt ihm hart auf den Fersen: Das Nachbarhaus erhält am 9. Februar einen Volltreffer, alle Bewohner kommen um.

Schon als Kind Tagebuch geführt

Das Ende des Dritten Reiches, das am 8. Mai - heute vor 70 Jahren - für immer in Blut und Schrecken versinkt - naht unaufhaltsam. Schon am 12. April 1945 wird Arnsberg besetzt. Nennenswerte deutsche Truppen sind nicht im Ort. „... Der vorhandene Volkssturm wurde zum großen Teil kampflos überwältigt und, soweit nicht gleich nach Hause geschickt, gefangen genommen. Gegen Abend rollten die ersten schweren Panzer in die Stadt....“, notiert der Schüler Hartmut Jäckel.

Und beobachtet dann in den folgenden Tagen, wie mehrere Geschäfte und Lazarette „von den Deutschen geplündert (werden), so das Schuhhaus Prange, das Lebensmittelgeschäft Hill und das Lazarett ,Sauerschule’. Die Amerikaner benahmen sich anständig....“ Und verteilen schon bald Schokolade und Kaugummi an die Kinder und Jugendlichen, erinnert sich Jäckel.

Kriegsende ist dem 80-Jährigen noch immer präsent

Trotz der langen 70 Jahre zwischen Kriegsende und dem Heute ist dem 80-Jährigen die Kriegszeit noch immer präsent. Denn schon als Zehnjähriger beschließt er, Tagebuch zu führen. „Warum, das weiß ich heute nicht mehr. Ein früh erwachtes zeitgeschichtliches Interesse, dessen bin ich sicher, war dabei kaum im Spiel.“ Vielmehr ging es ihm dabei um persönliche Dinge - wie um Familie, Schule, „Bücher, die ich las, Filme, die ich sah“.

Dabei hält der Obertertianer in jenen Apriltagen 1945 auch zahlreiche Aufrufe der Militäradministration, „die wie zu Luthers Zeiten an Mauern, Litfaßsäulen und an Bürogebäuden angeschlagen waren“, wortwörtlich fest. Wie zum Beispiel diese Bekanntmachung im Auftrag der US-Armee des noch im Amt befindlichen Arnsberger NS-Bürgermeisters Isphording: „1. Wer beim Plündern angetroffen wird, wird erschossen. 2. Die gleiche Strafe trifft den, wer Sabotageakte an Versorgungsleitungen, Verkehrseinrichtungen usw. ausführt....“

Binnen einer Woche nach der Besetzung, schreibt Hartmut Jäckel in das Tagebuch, waren „fast alle Lebensmittelgeschäfte restlos ausverkauft. Nur Brot wurde noch täglich gebacken, aber man musste immer lange Zeit anstehen. Frischfleisch gab es schon seit der Einnahme nicht mehr....“

Elf Tage nach der Besetzung durchsuchen Amerikaner jedes Haus

Am Morgen des 23. Aprils, elf Tage nach der Besetzung Arnsbergs, verbreitet sich in der Stadt, so der Bruder des bekannten NS-Forschers Eberhard Jäckel, die Nachricht, einige fanatische Werwölfe hätten amerikanische Soldaten getötet. Daraufhin müssen sich alle - auch die ehemaligen - Angehörigen von Wehrmacht, Waffen-SS und Volkssturm zu einem festgesetzten Zeitpunkt in der Militäradministration auf dem Neumarkt (Haus Husemann) melden. „Wer nach diesem Zeitpunkt angetroffen wird,“ verkündet eine neuerliche Proklamation, „hat mit Erschießen zu rechnen“. Und alle, die diesem Personenkreis Unterkunft gewähren, müssen damit rechnen, dass ihr Haus niedergebrannt wird.

Dazu hält der 14-Jährige u.a. fest: „... Am 24. April morgens wurde jedes Haus von Amerikanern nochmals nach sich versteckt haltenden Männern durchsucht. Diese Aktion fiel für die Amerikaner sehr zufriedenstellend aus. ... Infolgedessen wurde auch kein Wohnhaus niedergebrannt.“ Für Hartmut Jäckel nicht verwunderlich. „Die Arnsberger hatten schließlich kein Interesse,“ sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion, „die Situation nach der Besetzung zu verschärfen.“ Und auch Übergriffe von US-Soldaten habe es nicht gegeben.

Schüler zum Arbeitseinsatz

Die Schulen bleiben übrigens für lange Zeit geschlossen. Die älteren Schüler werden nach Kriegsende täglich von 7.30 bis 12 Uhr zum Arbeitseinsatz eingezogen - zum u.a. Freischaufeln der Straßen von den Trümmern, zum Zuschütten der Panzergräben und für die Unterstützung von Privatpersonen beim Gemüseanbau. So erfährt der 14-Jährige in der NS-Zeit sozialisierte Jäckel beim schnöden Umgraben eines Gemüsebeetes vom „heldenhaften“ Tod Hitlers. „Diese Nachricht nahm ich ohne jegliche innere Regung auf, obwohl ich seit meinem zehnten Lebensjahr dem Jungvolk dienstverpflichtet war.“

Erstaunt über Offenheit

Und im Erinnern nach 70 Jahren erstaunt den Zeitzeugen Hartmut Jäckel noch heute, wie die Menschen schon unmittelbar nach Kriegsende mit „großer Freiheitlichkeit und Offenheit zu Werke gingen, um einen neuen Staat aufzubauen. Das hat man so niemals erahnen können.“