90 000 Narren kamen nach Werden
15.02.2010 | 15:40 Uhr 2010-02-15T15:40:00+0100
Werden. Am heutigen Dienstag kommen bei so manchem Werdener Altbürger Erinnerungen auf: Vor genau 55 Jahren zwängte sich der letzte Altweiber-Festzug durch die abgesperrten Straßen. 90 000 Besucher überfüllten Werden; man fragt sich, wie sie alle Platz fanden. Die Bahn hatte mehr als 30 Sonderzüge eingesetzt, Busse kamen sogar aus dem Ausland. Werden war neben Köln und Düsseldorf eine Hochburg des rheinischen Karnevals.
Die Bahn hatte mehr als 30 Sonderzüge eingesetzt, Busse kamen sogar aus dem Ausland. Werden war neben Köln und Düsseldorf eine Hochburg des rheinischen Karnevals.
Neubürger stellen deshalb immer wieder die Frage: Warum lasst Ihr diese alte Tradition nicht wieder aufleben, wenn sie doch so toll war? Und warum wurde sie so abrupt beendet?
Es wurde viel darüber geredet, getuschelt, vermutet. Heimatforscher und Historiker wie etwa Leo Fonrobert und Harald Gedenk bemühten sich, aus alten Archiven und zeitgenösssischen Medien die Geschichte des Werdener Karnevals aufzuarbeiten. Einige wenige noch aktive Werdener Karnevalisten, wie Luise Korten ( 91, Witwe von Karl Korten „Kako“) , und Ferdy Grimmelt (71) haben die Vorkommnisse vor 55 Jahren miterlebt. Allen voran aber kann Werner Katz (80) die Dinge beim Namen nennen. Er ging damals sogar nächtliche Streife, ehrenamtlich.
Werner Katz, „der alte Kater“, ältestes Mitglied im Bund Deutscher Karnevalsvereine und 50 Jahre lang Präsident der Karnevalsgesellschaft „Völl Freud“ gewesen, mit höchsten närrischen und zivilen Auszeichnungen bedacht – er wuchs im Werdener Karneval auf. Seine Enkelkinder konnten eher „Helau“ sagen als „ Opa“… Die ganze Familie ist musikalisch begabt, aber Opa Werner, der Tenorhorn bläst, setzte sich stets, um niemanden zu stören, zum Üben vor den geöffneten Kleiderschrank und trötete in die Klamotten: „Das nimmt den Schall weg“. Nach dem Repertoire gefragt, pflegte der alte Kater zu antworten: „Wir spielen alles, von Mur bis Doll“.
Plötzlich schien aller Frohsinn in Werden zu Ende. Nach dem Krieg hatte es ab 1949 wieder einen Festzug gegeben, aber aus den traditionell harmlosen Späßen wurde zunehmend Gewalt, es kam zu Ausschreitungen, die keine karnevalistische Organisation mehr in den Griff bekam. Werner Katz dazu: „Betrunkene Männer verfolgten die Frauen in ihren Altweiberkostümen. Mädchen mussten sich auf offener Straße mit Händen und Füßen gegen Gewalt wehren“. Die KG „Völl Freud“ baute für den Rosenmontagszug in Essen einen Wagen: „Werdener Altweiber sind kein Freiwild“.
Prostituierte von weither suchten im Werdener Karneval ihr „Schnäppchen“, es kam zu Unmut und Ärger, mehrere Karnevalisten warfen den Wirten vor, zu viel Alkohol verkauft zu haben.
Katz dazu: „Die Wirte versprachen, nächstes Jahr werde alles besser sein. Doch es wurde eher schlimmer als besser“. So beschlossen die Vereine: „Wir hören auf!“
Danach gab es keinen Altweiber-Festzug mehr.
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