Zu viele Beine für nur einen Ball

Leverkusen..  Jürgen Klopp und Roger Schmidt sind in einigen beruflichen Angelegenheiten gleicher Ansicht. Beide mögen es, ihre Mannschaften mit hoher Laufintensität den Gegner bedrängen zu lassen und ihren Offensivgeist mit möglichst vielen Toren belohnt zu bekommen. Doch auch sonst scheinen die Trainer der Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen Gemeinsamkeiten zu haben, man habe sich, erzählte Klopp am Samstagabend, jüngst bei einem Lehrgang auch mal näher kennengelernt. Beide schätzen einander, und nach diesem torlosen Remis zum Rückrundenauftakt fanden sie auch genügend Lob für die Arbeit des Anderen, um das selbst Erreichte in ein besseres Licht zu rücken.

„Es war nicht perfekt, aber ein erster guter Schritt“, sagte Klopp nach der Punkteteilung, „für den Gegner und den ersten Spieltag bin ich zufrieden.“ Dem ist nicht zu widersprechen, wenn der vor Spielbeginn durch den Freiburger 4:1-Sieg über Frankfurt gar auf den letzten Platz abgerutschte BVB bei einem Team aus der Spitzengruppe nicht verliert. „Wir können mit dem Punkt gut leben. Es war sehr schwer hier zu spielen“, erklärte Kevin Kampl nach seinen ersten 90 Minuten im schwarz-gelben Dress. Der Zwölf-Millionen-Neuzugang gab ein gutes Debüt, sein Trainer lobte das Selbstbewusstsein und die Galligkeit beim slowenischen Nationalspieler. „Und ich habe Roger vorhin sagen hören, dass er es noch besser kann“, freut sich Klopp schon auf Kampls Heimpremiere am Mittwoch (20 Uhr) gegen den FC Augsburg.

In der von 342 Zweikämpfen zerzausten Begegnung lebte Kampl das vor, was Klopp in dieser Situation von seinen Spielern verlangt: leidenschaftlich zu kämpfen und auf fußballerisches Chi-chi zugunsten konsequenter Ordnung zu verzichten. Dieser Anforderung wurden alle Dortmunder gerecht. Allerdings auf Kosten jeglichen spielerischen Anspruchs, den ein Vize-Meister des Vorjahres und aktueller Champions-League-Achtelfinalist haben sollte. „Ums Schönspielen müssen sich dieses Jahr andere kümmern“, erklärte Nuri Sahin. Zumindest an diesem Samstagabend kamen dafür aber auch die mut- und ideenlosen Leverkusener nicht infrage.

Der persönliche Eindruck der meisten Zuschauer wurde durch ein unerbittliches Zahlenwerk aus der Statistikabteilung untermauert: Die Dortmunder leisteten sich 152 Fehlpässe, nur 46 Prozent ihrer Zuspiele kamen beim eigenen Mann an. Weniger war’s noch nie, seitdem 1999 damit angefangen wurde, alle Spielereignisse mitzuzählen. „Ich kann nicht Abstiegskampf predigen und Champagner-Fußball fordern“, missfiel Klopp die Krittelei. Statt des edlen Getränks bot sein Team eher stilles Wasser an: Die Spieleröffnung erfolgte zumeist in der Hoch-und-weit-Variante. Doch fehlte es häufig an der Präzision bei Marco Reus, Ciro Immobile und Kevin Kampl, um Bayer-Torhüter Bernd Leno abgesehen von Immobiles einziger Torchance (50.) noch öfter in Gefahr zu bringen. Dass es bei der Nullnummer blieb, hatte der ins BVB-Tor zurückgekehrte Roman Weidenfeller vor allem Mats Hummels zu verdanken, der für seinen geschlagenen Keeper einen Schuss von Gonzalo Castro (39.) spektakulär vor der Linie wegköpfte.

Effizienz statt Perfektion

Jürgen Klopp hat eine Formel für sich und seine Mannschaft gefunden, um sich aus der misslichen ­Lage zu befreien: indem die Spieler so schmuck- und kompromisslos agieren, wie es der Tabellenstand aussagt. Und sie haben offenbar begriffen. „Ich habe heute nicht nach Perfektion gestrebt“, sagte Klopp, „wir haben nur zwei Punkte Rückstand auf eine Region, die ich im Moment als Paradies bezeichnen würde.“ Der Anspruch ist halt kleiner geworden in Dortmund.