Zehn deutsche Höhenflüge der Olympia-Geschichte

Gold! Ulrike Meyfarth jubelt über ihren Sieg im Hochsprung bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Foto: Imago
Gold! Ulrike Meyfarth jubelt über ihren Sieg im Hochsprung bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Foto: Imago
Was wir bereits wissen
10.000 Athleten messen sich in 302 Wettbewerben: Zehn Tage vor Beginn der Olympischen Sommerspiele in London blicken wir zurück auf zehn Sternstunden der deutschen Athletinnen und Athleten bei den Olympischen Spielen der Neuzeit.

Essen.. In zehn Tagen beginnen die Olympischen Sommerspiele in London, das größte Sportereignis der Welt, mit rund 10 000 Athleten, die sich in 302 Wettbewerben messen. Es sind die XXX. Olympischen Spiele der Neuzeit – und Olympia hat uns viele besondere Augenblicke beschert. Titel und Triumphe, deutsche Helden, aber auch Enttäuschungen und Skandale. Wir blicken bis zum Beginn der Spiele in loser Folge zurück – im zweiten Teil auf zehn große deutsche Olympioniken, deren Auftritte die Fans bewegt haben.

Olympia 1896 in Athen: Carl Schumann schreibt als erster deutscher Olympiasieger Sportgeschichte

So etwas kann man sich im heutigen hoch-technisierten Sport nicht mehr vorstellen. Carl Schumann, der nur 1,58 Meter große Goldschmied aus Münster, gewann bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit in Athen nicht nur drei Goldmedaillen im Turnen, sondern stand auch im Ringen auf dem Siegerpodest. Als „kleiner Apollo“ wurde er von den griechischen Fans gefeiert. Und das, obwohl er den Liebling der Griechen, Georgios Tsitas, in einem 65-minütigen Ringkampf besiegte. Schumann war auch außerhalb der Matte ein großer Kämpfer. Während der Nazi-Zeit wollte er seinen jüdischen Freund, Alfred Flatow, ebenfalls Turn-Olympiasieger 1896, vor der Verfolgung retten, doch der gebürtige Danziger wurde 1942 im KZ Theresienstadt ermordet.

Olympia 1960 in Rom: Wasserspringerin Ingrid Krämer holt Gold vom 3-Meter-Brett und vom 10-Meter-Turm

Die erst 17-jährige Dresdnerin schaffte 1960 das, was keiner anderen Sportlerin vor und nach ihr geschafft hat. Ingrid Krämer wurde nach ihrem Doppelerfolg in Rom sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik zur Sportlerin des Jahres gewählt. Ihre spektakulären Siege kamen nicht nur wegen ihrer Jugend völlig überraschend. Die US-Springerinnen, die bis dahin 40 von 51 möglichen Medaillen der olympischen Geschichte gewannen, galten damals als unbesiegbar. Vier Jahre später trug Ingrid Krämer bei der Eröffnungsfeier in Tokio die schwarz-rot-goldene Fahne mit olympischen Ringen der gesamtdeutschen Mannschaft. Auch ihr Ergebnis im Wettkampf konnte sich sehen lassen: Gold vom Brett, Silber vom Turm.

Olympia 1956 in Stockholm: Die Stute Halla trägt den verletzten Springreiter Hans-Günter Winkler zu Gold

Es passierte im ersten Umlauf des Springens: An Hindernis Nummer 13 riss Hans-Günter Winkler ein Muskel. Er erhielt in der Pause vor dem zweiten Umlauf Schmerz- und Beruhigungsmittel. Sie waren so stark, dass er auf dem Weg in den Parcours fast einschläft. Seine Kollegen rüttelten ihn mit ein paar Schlägen auf die Wange wach. Seine Stute Halla merkte, dass ihr Reiter verletzt ist. Sie trug den fast bewegungslosen Winkler fehlerfrei über die Hindernisse: Gold im Einzel, Gold in der Mannschaft.

Olympia 1984 in Los Angeles: Michael Groß schwimmt zu zwei Gold- und zu zwei Silbermedaillen

Michael Groß mochte das Training im Wasser nicht besonders. Die Muskeln holte er sich im Kraftraum, die Kondition auf dem Rennrad. Und so schaffte es der „Alba-tros“ im Freiluftbecken von Los Angeles tatsächlich zum Fliegen. Über 100 Meter Schmetterling und über 200 Meter Freistil gewann er Gold, jeweils in Weltrekordzeit.

Olympia 1960 in Rom, der Deutschland-Achter gewinnt Gold

Trainer Karl Adam hatte seine Jungs in der Abgeschiedenheit von Ratzeburg in Höchstform gebracht. In Rom holte das deutsche Flaggschiff dann auch das erste Olympiagold. Ein klarer Sieg mit vier Sekunden Vorsprung vor Kanada. Mit im Boot: Moritz von Groddeck, Deutschlands erfolgreichster Ruderer aller Zeiten. Er gewann nicht nur Gold in Rom, sondern auch Silber in Tokio (1964, Achter) und Silber in Melbourne (1956, Zweier mit Steuermann).

Olympia 1988 in Seoul: Steffi Graf wird Olympiasiegerin im Einzel

Nachdem sie als 15-Jährige bereits den Tennis-Demonstrations-Wettbewerb bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles gewonnen hatte, holte sich Steffi Graf vier Jahre später in Seoul das erste offizielle Gold im Tennis seit 1924. Auch wenn die Brühlerin nicht wegen ihrer Vorstellung auf der olympischen Bühne unvergesslich geworden ist, hat sie in Seoul ihr einzigartiges Tennis-Jahr 1988 gekrönt. Erst machte sie am 10. September in New York nach Erfolgen in Melbourne, Paris und Wimbledon als erste Spielerin seit Margaret Smith Court (1970) den Grand Slam perfekt, dann musste für sie nach dem Gewinn des olympischen Titels der Begriff Golden Slam erfunden werden, um ihre Leistung in Worte zu fassen.

Olympia 1992 in Barcelona: Dieter Baumann stürmt über 5000 Meter zum Olympiasieg

Die Afrikaner waren sich einig: Erst gemeinsam Dieter Baumann bekämpfen, dann den Sieg unter sich ausmachen. Der Plan schien aufzugehen, Baumann war in der letzten Kurve eingeklemmt, dann zog er einen unglaublichen Spurt an: Er trommelte die letzten 100 Meter in 11,9 Sekunden herunter. Gold, jenseits von Afrika. Ein strahlender Olympionike ist er trotzdem nicht: Seine positive Dopingprobe aus dem Jahr 1999 ruinierte seinen makellosen Ruf.

Olympia 1960 in Rom: Der schnellste Mann der Welt ist Armin Hary

Zu einer Zeit, in der die Sprinter mit ihren Spikes über rote Asche liefen und die Startblöcke mit einem Hammer in der Erde befestigen mussten, wurde Armin Hary am 21. Juni 1960 im Züricher Letzigrund als Erster nach 100 Metern offiziell in 10,0 Sekunden gestoppt. Der eigenwillige Saarländer, dessen 10,0-Lauf zwei Jahre zuvor wegen zu viel Gefälle auf der Bahn nicht anerkannt worden war, wollte seine Karriere in Rom vergolden. Es gelang ihm gleich doppelt. Erst hängte der „weiße Blitz“ alle Konkurrenten über 100 Meter in 10,2 Sekunden ab, dann gewann er mit Bernd Cullmann, Walter Mahlendorf und Martin Lauer auch Gold in der Sprintstaffel.

Olympia 1972 in München, die deutsche Leichtathletik-Sternstunde

Klaus Wolfermann gewinnt Gold im Speerwerfen, Hildegard Falk stürmt zum Sieg über 800 Meter, Bernd Kannenberg geht über 50 Kilometer zum Gold, Heide Rosendahl holt Gold im Weitsprung und in der Sprintstaffel, und dann noch Ulrike Meyfarth (großes Foto). Die 16-Jährige verzaubert das Stadion und fliegt über 1,90 Meter zum Hochsprung-Gold. Die Sternstunde der deutschen Leichtathletik.

Olympia 1992 in Barcelona: Das deutsche Hockey-Team besiegt Australien mit 2:1

20 Jahre nach dem Triumph in München gewinnt erneut eine deutsche Mannschaft Gold. Ein Leistungsträger war der Berliner Andreas Keller. Kein Wunder, in dieser Familie wächst man mit dem Krummstab auf: Großvater Erwin holte 1936 Silber, Vater Carsten 1972 Gold, Schwester Natascha 2004 Gold und Bruder Florian 2008 Gold.