Wo bleibt der Knipser?
20.06.2007 | 08:38 Uhr 2007-06-20T08:38:13+0200FUSSBALL. Gladbachs Sportdirektor Christian Ziege spricht über Neuzugänge, Urlaub, schlaflose Nächte und Verantwortung.
GLADBACH. Christian Ziege bestellt einen Latte Macchiato, greift sich eine Marlboro Light und atmet kurz durch. Der 35-Jährige sitzt im Restaurant "gladbach". Unmittelbar unter einer riesigen Leinwand, die den legendären Hennes Weisweiler mit der Meisterschale zeigt. Lange her. Mittlerweile ist Borussia nur noch zweitklassig, und der Sportdirektor, der am Samstag 100 Tage im Amt sein wird, ist jetzt dafür verantwortlich, dass es sofort wieder aufwärts geht. Die NRZ sprach mit Christian Ziege.
NRZ: Mal angenommen, Sie wären immer noch Trainer der Gladbacher B-Jugend - wo wären Sie dann jetzt im Urlaub?
Ziege: Auf Kreta. Aber mit dem neuen Posten des Sportdirektors hatte sich das erledigt.
NRZ: Und, gab's Stress? Sind Sie zu Hause von Ihrer Frau kritisiert worden?
Ziege: Nein, ich habe von Anfang an gesagt, wenn ich den Job mache, dann nur zu 100 Prozent. Dazu brauche ich die volle Unterstützung, und die habe ich von meiner Frau bekommen.
NRZ: Also ist der Sommerurlaub ersatzlos gestrichen?
Ziege: Wir haben es so geregelt, dass meine Familie mit ins Trainingslager fährt, so dass wir dort die eine oder andere Stunde zusammen verbringen können.
NRZ: Nach ihren ersten Tagen als Sportdirektor haben Sie von schlaflosen Nächten gesprochen - haben Sie die immer noch?
Ziege: Nachts im Bett kann einem niemand den Gedanken klauen. Man wird nicht abgelenkt. Es klingelt kein Telefon, es kommt niemand um die Ecke. Entsprechend sind einige Gedanken, die ich nachts habe, oft sinnvoller als Gedanken, die ich am Tage habe.
NRZ: Sie haben immer einen Notizblock neben dem Bett?
Ziege: Genau. Es kommt sogar vor, dass ich aufstehe, einen Kaffee koche und alles in Ruhe aufschreibe.
NRZ: Haben Sie so etwas auch als Spieler gemacht?
Ziege: Nein, das hat angefangen mit dem Sportdirektor-Job. Beziehungsweise mit dem Job als Trainer der U17, da habe ich auch schon nachts aufgeschrieben, was man tun kann, was man verbessern kann.
NRZ: Als Sportdirektor sind sie Branchenneuling - ist das Wahnsinn oder nur wagemutig, Gladbachs wichtigsten Job an einen Berufseinsteiger zu vergeben?
Ziege: Ich weiß nicht, ob das ein Wahnsinn ist. Natürlich bin ich neu in dem Job. Aber ich glaube, dass ich Fußballsachverstand habe, und das ist die wichtigste Voraussetzung. Natürlich läuft nicht alles automatisch, das ist auch klar, aber das pendelt sich eigentlich schnell ein. Außerdem habe ich genügend Leute um mich herum, die Erfahrung haben und die ich um Hilfe bitten kann, wenn ich mich unsicher fühle.
NRZ: Sie meinen Ihr unmittelbares Team, Steffen Korell, Max Eberl, und wen sonst?
Ziege: Jeder, bei dem ich der Meinung bin, dass er mir einen Rat geben könnte, den frage ich. Ich habe mit Uli Hoeneß gesprochen. Ich habe mit Christian Hochstätter gesprochen, der einmal in der selben Situation war. Ich habe auch mit Horst Heldt gesprochen, der ebenfalls jung und unerfahren zu dem Sportdirektor-Job kam. Das waren interessante Gespräche.
NRZ: Auf der Jahreshauptversammlung hat das Präsidium einräumen müssen, total abhängig zu sein von der Einschätzung der sportlichen Leitung. Wenn man es krass formulieren will, dann hängt das sportliche Wohl und Wehe des Klubs allein von Ihnen ab. Empfinden Sie das mehr als Belastung oder als mehr als Herausforderung?
Ziege: Eine große Herausforderung, auf jeden Fall. Aber ich glaube nicht, dass alles von mir alleine abhängt. Ich beziehe die Leute um mich herum mit ein. Einfach, um verschiedene Meinungen zu haben. Dann versuche ich, die Schlüsse daraus zu ziehen. Natürlich muss ich irgendwann die Entscheidung treffen. Letzendlich ist es die Aufgabe, eine gute Mannschaft hinzustellen, und die nächste Aufgabe ist dann, gemeinsam mit dem Trainer, das umzusetzen, was wir uns vornehmen.
NRZ: Geht Trainer Jos Luhukay mit einem beschädigten Ruf in die Saison?
Ziege: Ich finde es ungerecht, ihm etwas in die Schuhe schieben zu wollen. Er hat etwas übernommen, was schon da war. Er hat das Team im Winter nicht vorbereiten können, er hat keine Verantwortung für die Zusammenstellung des Kaders, aber er hat mit aller Kraft versucht, die Mannschaft positiv einzustellen. Ich glaube, dass er alles in seiner Macht getan hat. Man muss vielmehr darüber nachdenken, ob jeder auf und neben dem Platz alles gemacht hat, um den Abstieg zu verhindern.
NRZ: Wenn Sie mit Beratern und Spielern verhandeln, wer sitzt auf Ihrer Seite mit am Tisch?
Ziege: Mal führe ich Verhandlungen alleine, dann mal gemeinsam mit Geschäftsführer Stephan Schippers. Fakt ist, dass es absolut keine Alleingänge gibt.
NRZ: Bei einigen Spielern ist die Zukunft völlig unklar. Beispielsweise Insua, von dem Bayerns Mehmet Scholl gesagt hat, er halte ihn für einen Riesenfußballer.
Ziege: Ich bin derselben Meinung. Aber Federico hat gesagt, dass er weg will. Und deshalb müssen wir uns fragen, ob es sinnvoll ist, ihn unbedingt halten zu wollen, wenn er nicht mit vollem Herzen dabei ist. Aber das heißt nicht, dass wir ihn verschenken.
NRZ: Gibt's Angebote?
Ziege: Eins aus Mexiko, aber nicht in der Höhe, die wir uns vorstellen.
NRZ: Also tritt Insua am Sonntag beim Trainingsauftakt an?
Ziege: Ich weiß, dass er schon hier ist.
NRZ: Bei wem von den übrigen Problemfällen - Wesley Sonck, Bernd Thijs, Ze Antonio, Kahe, David Degen, Mikkel Thygesen, Kasper Bögelund - besteht die Möglichkeit, dass sie auch kommende Saison für Borussia spielen?
Ziege: Das weiß ich nicht. Viel ist Verhandlungssache und schwierig vorherzusagen. Bei Kasper Bögelund sieht die Sache gut aus, dass er bleibt. Aber 100-prozentig ist das auch noch nicht.
NRZ: Wie viele neue Spieler sollen noch kommen?
Ziege: Der ein oder andere wird noch kommen, hoffe ich.
NRZ: Wo bleibt der Knipser mit dem großem Namen?
Ziege: Wir wollen natürlich noch einen Stürmer haben. Es gibt zwei, drei Kandidaten. Aber einen großen Namen in die zweite Liga zu locken, noch dazu einen Knipser, halte ich für verdammt schwierig.
NRZ: Das Ziel heißt Wiederaufstieg, ohne wenn und aber. Sollte das nicht klappen, war die Saison dann zwangsläufig verkorkst?
Ziege: Wenn wir nicht aufsteigen können, ist das sicherlich nicht schön. Aber dann kommt's darauf an, wie hast du diese Saison gespielt. Warst du im Mittelfeld und hattest gar keine Chance oder läuft's noch schlechter und du bist unten mit dabei, dann hast du ein Problem. Wenn du aber um den Aufstieg kämpfst, dann hat es leider nicht funktioniert. Ziel ist sicherlich der Aufstieg, aber das wird sehr schwer. Ich kann mich nur wiederholen: Die zweite Liga ist kommende Saison sehr stark. (NRZ)

0mitdiskutieren