„Wir haben genügend Qualität“

Gelsenkirchen..  Ralf Fährmann sitzt an einem Tisch in der Logenebene der Arena, an den Wänden hängen Bilder aus der Schalker Geschichte, und wenn man nach draußen geht, hat man einen imposanten Blick auf den Rasen. Dort spielt Schalke an diesem Samstag (15.30 Uhr) in der Bundesliga gegen den SC Freiburg. Ralf Fährmann, der über Monate hinweg verletzt war, ist längst mehr als nur der erste Torwart – er ist auch ein Gesicht seines Vereins. Im Interview spricht er über das, was Schalke noch bleibt in dieser Saison. Aufgeben gehört nicht dazu.

Herr Fährmann, haben Sie in dieser Woche die DFB-Pokalspiele im Fernsehen verfolgt?

Nicht alle. Am Dienstag hatte ich Besuch. Oma, Tante und Cousine waren da – da sind wir Essen gewesen.

Schauen Sie nicht so viel Fußball im Fernsehen?

Doch, sonst schon.

Auch an Donnerstagabenden die Europa League?

Die Champions League gucke ich lieber (lacht). Aber die Spiele der deutschen Mannschaften sehe ich mir in der Europa League normalerweise auch immer an.

Für viele Fans ist es eine komische Vorstellung, dass Schalke demnächst vielleicht donnerstags spielen könnte. Für Sie auch?

Damit habe ich mich bis jetzt noch nicht befasst. Wir wollen immer noch alles dafür geben, im nächsten Jahr wieder in der Champions League zu spielen. Dass wir dafür mittlerweile nicht nur ein bisschen Glück brauchen, sondern sehr, sehr viel Glück, wissen wir auch. Aber warum sollten wir aufgeben? Wir sind von allen abgeschrieben, aber die anderen Mannschaften müssen noch liefern, um ihre Plätze zu behaupten. Vielleicht kommen wir ja noch einmal aus der versteckten Position.

Sie haben von allen Schalkern sicher die geringste Schuld an dieser Lage, dass die Mannschaft es nicht mehr selbst in der Hand hat. Haben Sie trotzdem eine Erklärung dafür, warum es so gekommen ist?

Wir trainieren gut, wir trainieren viel – da fällt es schwer, eine genaue Erklärung zu finden. Natürlich hatten wir viele Verletzungen und konnten nicht so viel rotieren oder auf dem Spielfeld variieren – dadurch ist unser Spiel vielleicht etwas berechenbar geworden. Aber das soll keine Ausrede sein: Wir haben trotzdem genügend Qualität im Kader.

Was ist das für ein Gefühl, wenn man verletzt ist und von außen zusehen muss, wie der Mannschaft Woche für Woche das Saisonziel immer mehr aus den Händen gleitet?

Da kann ich im Namen aller unserer Verletzten reden: Es ist einfach besch… – jeder würde viel lieber durchs Mittelfeld grätschen oder, wie ich als Torwart, durch den Strafraum fliegen. Auf der Tribüne gehe ich fast kaputt – so sehr fiebere ich mit.

Während Sie verletzt waren, hat Ihr Vertreter im Tor, Timon Wellenreuther, einige vermeidbare Gegentore und noch mehr Kritik einstecken müssen. Haben Sie mit ihm einmal darüber gesprochen?

Ja, besonders am Anfang habe ich viel mit ihm gesprochen. Natürlich hat Timon, wie jeder Spieler auf dem Feld, auch mal Fehler gemacht, und bei einem Torwart resultiert daraus leider oft direkt ein Gegentor, aber insgesamt fand ich die Kritik an ihm zu heftig. Das ist die bittere Seite unseres Geschäfts. Timon hat auch sehr viele gute Bälle gehalten und gerade in den ersten Spielen auch viel Ruhe ausgestrahlt.

Während Ihrer Verletzungspause ist aber der Eindruck aufgekommen: Ralf Fährmann ist nicht zu ersetzen. . .

Natürlich freut mich so ein positives Feedback. Aber mir ist in erster Linie immer der Erfolg der Mannschaft brutal wichtig. Und deswegen hätte ich viel lieber eingegriffen, als das jetzt zu hören.

Wie ist Ihre Verletzung im Trainingslager in Katar eigentlich genau passiert?

Das war ganz komisch: Ich bin nach links gesprungen und ganz unglücklich auf den Knien gelandet – und weil ich ja auch nicht gerade nur 40 Kilo wiege, haben da riesige Kräfte auf das Knie eingewirkt. Irgendwie war das eine Bewegung, die ich noch nie in meinem Leben gemacht hatte. In der Reha haben sie mir gesagt: Das war wie bei einem Autounfall, bei dem man mit extrem viel Energie mit dem Knie vorne ungebremst vor einen Widerstand prallt.

Und Ihre Befürchtung war gleich: Kreuzband?

Man hofft natürlich bis zuletzt etwas anderes, aber ich habe sofort einen stechenden Schmerz gehabt. Wenn man sich am Muskel verletzt, spürt man einen dumpfen Schmerz, bei Sehnen und Bändern ist es richtig stechend. Ich spreche da ja leider aus einer vergangenen Erfahrung…

Ihr Kreuzbandriss 2011 hat Sie zwei Jahre gekostet. Um hier wieder die Nummer eins zu werden, haben Sie damals so viel Geduld aufgebracht, dass Sie bei den Fans nun den Ruf genießen, mehr Schalker zu sein als jeder andere Spieler.

Das weiß ich zu schätzen, jeden einzelnen Tag. Ich fühle mich einfach pudelwohl hier.

Da Sie den Fans so nahe stehen: Können Sie nachvollziehen, dass viele über das Abschneiden in dieser Saison nicht nur enttäuscht sind, sondern sogar wütend?

Ja, natürlich. Ich kann manchmal auch die negative Stimmung verstehen, die wir in einzelnen Aktionen im Stadion spüren. Dafür muss man sich nur vor Augen führen, wie viel die Menschen hier für ihren Verein tun – und das in einer Region, die sozial nicht besonders stark ist. Überspitzt gesagt: Viele Fans haben lieber ein Schalke-Trikot im Schrank als zweimal am Tag ein warmes Essen auf dem Tisch. Dann wollen sie auch erfolgreiche Spiele von uns sehen, und wenn wir das auf dem Platz nicht umsetzen können, sind sie unzufrieden – gerade bei dem Kader, den wir haben. Da kann man es sich als Profi nicht so leicht machen und fragen: Warum pfeifen die – wir haben doch alles gegeben?