Wintereinbruch zur falschen Zeit

Oberstdorf..  Es schien an diesem denkwürdigen Abend im Dauerschneefall schwer vorstellbar, aber am ersten Weihnachtsfeiertag war Oberstdorf noch grün. Sogar eine Firma aus Finnland, die selbst bei Temperaturen von 30 Grad Plus noch Schnee produzieren kann, war zur Rettung des Auftaktspringens der 63. Vierschanzentournee engagiert worden. Doch dann begann es zu schneien. Drei Tage fast durchgängig.

Das unaufhörliche vom Himmel schwebende Weiß und der turbulente Winde von bis zu sieben Metern pro Sekunde sorgten am Sonntag nach fast drei Stunden für den Abbruch des ersten Springens des Skisprung-Grand-Slams. Am Montag (17.30 Uhr) soll das Springen in Oberstdorf nachgeholt werden – allerdings sind die Wetterprognosen ähnlich ungünstig.

„Ich bin sehr erleichtert. Da hätte man auch würfeln können“, sagte Bundestrainer Werner Schuster, „für den Sport war es die richtige Entscheidung, für die Zuschauer tut es mir leid.“ 24 500 Fans mit überwiegend schwarz-rot-goldenen Fahnen hatten sich an der Schanze am Schattenberg in der Hoffnung auf den ersten deutschen Sieg seit zwölf Jahren versammelt, aber sie erlebten nur elf Wettkampfsprünge. Chefcoach Schuster fühlte sich mitten in der langen Wartezeit im Dauerschneefall von Oberstdorf an Madrid erinnert. Am 1. April 1998 war vor dem Champions-League-Spiel zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund ein Tor zusammengebrochen. Damals dauerte es 76 Minuten bis zum Spielbeginn.

Höhnischer Beifall

In Oberstdorf mussten die von Glühwein aufgewärmten Anhänger bei eisigen Bedingungen mehr als eineinhalb Stunden bis zum ersten Wettkampfsprung und fast die doppelte Zeit bis zum Heimgehen warten – und vor allem bestand für die Hauptakteure im Gegensatz zum Fußball-Match in der spanischen Hauptstadt akute Gefahr für die Gesundheit. Der Team-Olympiasieger Marinus Kraus erwischte in der Luft eine Böe, konnte nur mit Mühe einen schweren Sturz verhindern und klatschte im Auslauf höhnisch Beifall.

„Die Bedingungen waren kritisch. Da muss man aufpassen, dass man nicht auf der Nase liegt“, sagte Kraus und machte eine für die mutigen Flieger ungewöhnliche Aussage: „Heute springe ich hier definitiv nicht mehr runter.“ Kraus war als Vierter an der Reihe, doch der Wettkampf wurde trotz widrigster Bedingungen zunächst fortgesetzt. „Es ist wahrscheinlich noch zu wenig passiert“, meinte Bundestrainer Werner Schuster sarkastisch. Es waren gefährliche und höchst unfaire Bedingungen, doch die Jury versuchte das Springen wegen der vielen Fans im Stadion, vor allem wohl aber den Interessen von TV und Sponsoren durchzuziehen. „Wir müssen da mitspielen“, meinte der österreichische Cheftrainer Heinz Kuttin lakonisch.

Als mit Markus Eisenbichler ein weiterer großer deutscher Hoffnungsträger bei 112,5 Metern notlandete, war jedoch nach sieben Verlegungen und Unterbrechungen endgültig Schluss. „Alle haben den Wintereinbruch erhofft. Jetzt kam er zum falschen Moment“, kommentierte Kuttin. Renndirektor Walter Hofer meinte: „Wenn Wind und Schnee zusammen kommen, wird es schwierig einen Wettkampf durchzuziehen. Es werden einfach zu lange Wartezeiten – und die Gesundheit der Athleten steht immer im Mittelpunkt.“

Zweite Absage in 60 Tourneejahren

Zum Glück siegte am Ende dieses verrückten Tages diese Einsicht – und kein Springer musste verletzt aus dem Auslauf getragen werden. 2008 hatte es das erste und bislang einzige Mal eine Absage in der mehr als 60-jährigen Tournee-Geschichte gegeben – damals konnte das Springen in Innsbruck wegen eines Föhnsturms nicht stattfinden, es wurde damals im Finalort Bischofshofen nachgeholt. Die bemerkenswerteste Verschiebung in Deutschland gab es 1979, als das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen wegen der Witterungsbedingungen um einen Tag nach hinten verlegt werden musste.

Genau so soll es nun in Oberstdorf funktionieren – falls das nicht möglich sein sollte, könnten erstmals in der Geschichte zwei Springen in Garmisch-Partenkirchen über die Bühne gehen.