Willkommen zurück im Alltag

Wenden/Gummersbach..  Pünktlich um 9 Uhr stand Carsten Lichtlein an jenem Novembermorgen bei seinem Arbeitgeber in Wenden wieder auf der Matte. Selbstverständlich, möchte man meinen.

Und doch bemerkenswert. Denn um 20 Uhr am Vorabend hatte der 34-jährige Handball-Nationaltorwart noch ein Bundesligaspiel für den VfL Gummersbach bestritten. In Flensburg. Erst um 6 Uhr früh, nach 550 Kilometern Fahrt, kam er wieder in der Heimat an.

Es ist eine Geschichte, die sein Chef Martin Häner gern erzählt. Weil er in ihr die Mentalität des Carsten Lichtlein sehr exakt widergespiegelt sieht. Häner: „Ich habe allergrößten Respekt vor ihm. Wie er sich im Sport und im Beruf gleichermaßen engagiert und wie er beides miteinander verknüpft.“

Häner ist glücklich und stolz, Carsten Lichtlein in seiner Steuerberatungs-Kanzlei Häner und Partner zu wissen. Eine Werbung ist ein Mitarbeiter mit einem derart großen Namen allemal. „Es gibt durchaus Autogrammwünsche von den Klienten“, verrät Häner.

Zweimal 100 Prozent

Was ihm noch wichtiger ist, ist: Carsten Lichtlein bringt die Einstellung zum Handball mit in den Beruf hinein. „Zweimal hundert Prozent“, so formuliert es Häner.

Aber: Trotz seiner 196 Länderspiele, trotz seines Weltmeistertitels 2007 hat Carsten Lichtlein firmen-intern keine Sonderrolle inne. Und wer den 2,02 Meter-Mann kennenlernt, weiß, dass er in seiner Bodenständigkeit eine solche auch gar nicht beansprucht. Häner: „Er ist in unser Team integriert.“

Der Sprung von der großen Bühne zurück in den Alltag: Was Carsten Lichtlein im November zwischen Flensburg und Gummersbach im Kleinen bewältigte, hat er nun auf höchster Ebene vollzogen. Bei der Handball-Weltmeisterschaft in Katar war er der umjubelte Held der deutschen Nationalmannschaft. Der Turm, der im Achtelfinale gegen Ägypten mit 56 Prozent gehaltener Bälle die Handballwelt in Begeisterung versetzte.

Beruflich zusammen gekommen sind Carsten Lichtlein und Martin Häner über Frank Flatten, Manager des VfL Gummersbach. Lichtlein hatte zu seiner Zeit beim TV Großwallstadt die Ausbildung zum Steuerfachgehilfen abgeschlossen, als solcher auch während seiner achtjährigen Zeit beim TBV Lemgo gearbeitet. Als er 2013 zum VfL Gummersbach wechselte, legte er Wert darauf, sich beruflich weiter zu entwickeln - und Gleiches war auch der Wunsch des VfL. Häner und Lichtlein waren sich schnell einig. „Wir haben uns sofort gut verstanden,“ sagt Häner.

Seit Montag ist der WM-Torwart zurück im Training beim VfL Gummersbach. Überall war der Empfang herzlich bis überwältigend. Das nahm seinen Anfang beim Hausnachbarn in Gummersbach. Dem hatte Lichtlein während der WM seinen Haustür-Schlüssel überlassen. „Als ich zurückkam, hatte er sein Treppenhaus mit Zeitungsartikeln zur WM voll gehängt“, berichtet Lichtlein beeindruckt.

Sein Verein hatte ein Extra-Fan­shirt mit seinem Spitznamen „Lütti“ drucken lassen und auch seine Kollegen von Häner und Partner empfingen den Torwart mit einer Collage von Pressebeiträgen. Hinzu kamen PR-Auftritte, Interview-Wünsche - und wenig Urlaub.

Carsten Lichtlein freut’s. Aber weniger für sich selbst, als für seinen Sport: „Wir sind in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen worden, ich denke, wir haben im Handball wieder etwas bewegt.“

So locker, wie Carsten Lichtlein plaudert, mag man kaum glauben, dass da ein Kraftwerk an Konzentration, Furchtlosigkeit und mentaler Stärke spricht. Es muss schon eine besondere Spezies Sportler sein, die sich aus nächster Nähe Handball-Geschossen von 120 Stundenkilometern aussetzt. „Ich habe gestern noch von Simon Ernst einen ins Gesicht bekommen“, lacht Lichtlein über das spezielle „Begrüßungsgeschenk“. Schüsse auf den Körper spüre man kaum. Lichtlein: „Das Adrenalin unterdrückt die Schmerzen.“

Die Prüfung, ob man einer wird oder nicht, zeige der erste Schuss auf die Nase, so Lichtlein: „Wer sich danach wegdreht, für den hat es keinen Zweck.“

Dennoch bereitet sich Lichtlein mental auf das Spiel vor. Mit „spezieller, computerbearbeiteter Musik“ höre er, verriet Lichtlein, eine, die eine Balance zwischen Spannung und Entspannung herstellt.

Schulkamerad Dirk Nowitzki

Seit seinem vierten Lebensjahr spielt Carsten Lichtlein Handball. „Der Sport wurde mir in die Wiege gelegt“, sagt er. Sein Vater war beim TV Großwallstadt Bundesliga-Akteur. Schon als Schüler musste sich Carsten Lichtlein beim Direktor frei holen. Für Länderspiele.

Genau so wie übrigens sein Schulkamerad am Röntgen-Gymnasium in Würzburg: Ein gewisser Dirk Nowitzki, Basketball-Weltstar und an der gleichen Schule wie Carsten Lichtlein. Nur zwei Klassen drüber. Lichtlein: „Wir haben ständig guten Kontakt. Ich werde ihn irgendwann in Dallas besuchen.“

Lichtlein hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Ein Traum aber ist unerfüllt. Ein Traum, den sich sein Schulkamerad Dirk Nowitzki schon erfüllt hat: Olympische Spiele. Die ultimative Faszination für jeden Sportler. Die Chance auf Rio 2016 ist da, die Mannschaft hat die Qualifikation erreicht. Carsten Lichtlein sagt: „Für Rio 2016 tu’ ich alles!“