Wilke will mit dem Achter den Titel-Hattrick
23.08.2011 | 19:40 Uhr 2011-08-23T19:40:03+0200
Essen.Seit der Blamage von Peking ist der Achter unbesiegt. Nach dem Gewinn der WM-Titel 2009 und 2010 will das deutsche Vorzeige-Boot auch in Bled Gold holen. Kristof Wilke peilt mit dem Deutschlandachter bei der WM in Bled den Titel-Hattrick an.
Kristof Wilke ist ein spontaner Typ. Als der Deutschlandachter, der 2008 noch nicht einmal den Einzug ins olympische Finale geschafft hatte, ein Jahr später bei der WM in Posen sensationell als Erster über die Ziellinie fuhr, kletterte Wilke aus seinem Rollsitz und stellte sich aufrecht in das Flaggschiff des deutschen Ruderns. Eine wacklige Angelegenheit für einen 1,90-Meter-Mann. Aber Wilke hielt nicht nur das Gleichgewicht, er schoss wie Usain Bolt einen imaginären Pfeil in den Posener Himmel.
„Ich hatte Bolts Geste nach seinem Sieg über 100 Meter bei der WM in Berlin gesehen“, erinnert sich Wilke, „es hat mich spontan überkommen. Ich war nach dieser riesigen Überraschung so voller Endorphine, mir wäre es auch egal gewesen, wenn ich ins Wasser gefallen wäre.“ Zwei Jahre später ist alles anders. Der Achter ist nicht mehr der krasse Außenseiter, sondern der Top-Favorit für die Weltmeisterschaft, die am Sonntag im slowenischen Bled beginnt.
Seit der Blamage von Peking ist der Achter unbesiegt. Nach dem Gewinn der WM-Titel 2009 und 2010 will das deutsche Vorzeige-Boot auch in Bled Gold holen. Mit neuer Besatzung. Kristof Wilke ist wieder dabei. Aber diesmal sitzt er nicht im Mittelboot, diesmal gibt er den Schlag an.
Der 26-Jährige verdrängte Sebastian Schmidt von der Position des Schlagmanns, der direkt vor Steuermann Martin Sauer sitzt. Fühlt Wilke großen Stolz, dass er für die wichtigste Position im Achter ausgewählt wurde? „Stolz, das klingt zu krass“, antwortet der Mann vom RC Undine Radolfzell, der in Dortmund wohnt, „okay, ich bin ein bisschen stolz, dass mir der Trainer und die Mannschaft vertrauen.“ Es ist Wilke anzumerken, dass er sich ungern in den Mittelpunkt schiebt, dass es nicht gerade sein Lieblingsding ist, ausführlich über seine Stärken zu reden.
„Es liegt mir wohl, den Rhythmus im Boot vorzugeben“, sagt Wilke, „aber ich gebe nicht nur etwas vor, was die anderen nachmachen. Es kommt auf das Zusammenspiel von allen acht Ruderern plus Steuermann an. Und das passt bei uns super.“ Auch wenn Wilke seine Rolle herunter spielt, natürlich kommt dem Schlagmann eine ganz besondere Bedeutung zu. „Kristof ist ein Bewegungstalent, wie er auch in anderen Sportarten beweist“, sagt Bundestrainer Ralf Holtmeyer, „Kristof hat die nötige Sensibilität für eine optimale technische Leistung.“
Ralf Holtmeyer ist der Bootsbauer des deutschen Flaggschiffs. Alle wollen in den Achter, aber wie der Name sagt, gibt es vor Steuermann Sauer nur acht Rollsitze. Aus den 14 besten deutschen Riemenruderern wählt Holtmeyer die Besatzung aus. Es ist ein hoch kompliziertes Puzzle für den Trainer mit knallharten Anforderungen für den Trainer. Holtmeyer ist ein harter Hund, der ganz offen bekennt, „dass es nur ums Leistungsprinzip geht, ansonsten wären wir eine Theken-Mannschaft.“
Holtmeyer, der schon 1988 einen olympischen Gold-Achter formte und nach dem Debakel von Peking von den Frauen zu den Männern zurück kehrte, fordert seine Ruderer in Zweier-Rennen und bei Ergometer-Tests. Der Lorbeer vergangener Tage zählt nichts. So traf es in diesem Jahr Sebastian Schmidt, der seinen Platz als Achter-Schlagmann an Wilke verlor und jetzt bei der WM im Vierer fährt.
„Im nächsten Jahr kann es mir so ergehen“, sagt Wilke, „der Konkurrenzkampf macht uns stark. Er treibt uns an, in jedem Training alles zu geben.“ Im nächsten Jahr wird es vor den Olympischen Spielen in London wahrscheinlich noch ungemütlicher. Holtmeyers Spiel „Acht aus Vierzehn“ wird dann noch härter. Immerhin fallen die für den Achter Aussortierten nicht ins Bodenlose. „Wir werden auch einen starken Vierer bauen, der in London eine Medaille holen soll“, sagt Holtmeyer.
Aber im Vierer zu sitzen, wäre doch nur der Trostpreis. Auch Kristof Wilke will unbedingt in den Achter. Dafür wird der Sport- und Biologie-Student an der Uni Bochum kürzer treten, „obwohl ich die geistige Abwechslung brauche“. Erst einmal steht die WM in Bled im Vordergrund. Sollte dem Achter tatsächlich der Titel-Hattrick gelingen, dann wird sich der spontane Schlagmann sicherlich wieder zu einer besonderen Geste verleiten lassen. Am Sonntag wird er sich im Fernsehen den 100-Meter-Lauf bei der Leichtathletik-WM anschauen. Vielleicht lässt er sich wieder von Usain Bolt inspirieren.

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