Wenn München die Koffer packt

München..  Pep Guardiola kam im schwarzen T-Shirt, in einer blauen Trainingshose und in weißen Turnschuhen. Locker und lässig sah das aus, aber es war wohl vor allem eine kämpferische Botschaft. Denn die Kleiderwahl war ja auf so etwas gefallen wie auf den Blaumann aus Guardiolas Garderobe. Und dass auf dem T-Shirt auf Spanisch „Gerechtigkeit für Topo“ stand, war wohl ein ebenso bewusst gewähltes Symbol vor dem Showdown in der Champions League.

Es galt einem bei der WM tödlich verunglückten argentinischen Journalisten. Aber vielleicht ging es unterschwellig auch um die Deutungshoheit über eine Saison beim FC Bayern, nach der für den Trainer eine ungemütliche Bilanz gezogen werden müsste, wenn nach dem Viertelfinal-Rückspiel gegen den FC Porto an diesem Dienstag das frühe Aus zu Buche stünde.

Vernehmbare Zweifel

Mit der Hypothek einer 1:3-Niederlage aus der ersten Partie gehen Guardiola und seine Münchner in das Spiel. Noch nie in seiner Geschichte hat der FC Bayern im Europapokal nach einem Zwei-Tore-Rückstand die nächste Runde erreicht. Guardiola scheint zu ahnen, dass dies auch im fünften Versuch misslingen könnte. „Ich bin komplett überzeugt, wir werden es probieren“, sagte er gleich zu Beginn. Und ganz am Ende noch einmal ähnlich, ebenfalls mit vernehmbarem Zweifel: „Ich bin 100 Prozent optimistisch, aber ich bin auch realistisch.“

Dazwischen lagen viele Aussagen des Trainers, die eher wirkten wie der Inhalt einer ersten Verteidigungsrede. Es waren Sätze, zu denen man sich den Subtext „Gerechtigkeit für Pep“ dazu denken konnte. Und diese waren Folge des Drucks, der auf dem 44-Jährigen gerade lastet, nicht zuletzt durch die jüngsten Turbulenzen um den Rücktritt des bisherigen Mannschaftsarztes Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, einer Vereins-Ikone.

Als Nachfolger des Triple-Gewinners Jupp Heynckes war der ehemalige Coach des FC Barcelona in München angetreten - mit der Mission, wie sein Vorgänger das Maximum herauszuholen. Im Vorjahr reichte es zum Double, in der Champions League schied seine Mannschaft nach zwei Niederlagen gegen Real Madrid im Halbfinale mit insgesamt 0:5-Toren deutlich aus. Nun droht ein noch früherer Abschied vom Saisonziel, nach zuletzt drei Halbfinals in Folge.

Er, Guardiola, wisse, in welchem Verein er angestellt sei, sagte er. „Ich weiß, es ist nicht genug, deutscher Meister zu sein, vielleicht ist es nicht genug, Pokalsieger zu werden. Nur das Triple ist genug.“ Aber natürlich werde er versuchen, die Ansprüche zu erfüllen, „mit diesen wenigen Spielern“, dieser Hinweis war ihm wichtig.

Arjen Robben, David Alaba, Javier Martínez und Medhi Benatia fallen weiter aus. Sehr wahrscheinlich auch Franck Ribéry. Immerhin Kapitän Philipp Lahm meldete sich nach einem Magen-Darm-Virus wieder fit, Bastian Schweinsteiger dürfte zumindest für einen Einsatz in Teilzeit in Frage kommen. Doch unabhängig von der unstrittig schwierigen Personallage stünde nach einem Aus gegen Porto in der Bilanz am Saisonende nur das erneute Scheitern.

Guardiola weiß das, auch deshalb versuchte er, den in diesem Falle unvermeidlichen Debatten schon einmal vorzubeugen. Dass seine Profis trotz der vielen Absenzen in den vergangenen Monaten so viel Leidenschaft gezeigt hätten, sei für ihn der „größte Sieg“. Das „werde ich nie vergessen“, sagte Guardiola, „die Spieler werden meine Helden bleiben für den Rest meines Lebens.“ Das habe er ihnen auch vermittelt, er habe ihnen zuletzt gesagt, wie stolz er auf sie sei, „egal, was passiert in der Zukunft“. Es klang beinahe wie die Andeutung eines Abschieds, spätestens im Juni 2016, wenn sein Vertrag ausläuft. Oder gar früher?

Fragen nach der Zukunft

Auch dazu hat Guardiola Stellung bezogen. „Ich bin glücklich, hier zu sein“, sagte er, aber auch: „Ich weiß nicht, was passiert, wenn wir nicht das Halbfinale erreichen.“ Dass die Zusammenarbeit zwischen ihm und dem FC Bayern abrupt enden könnte, gilt als ziemlich unwahrscheinlich. Guardiola weiß das, und deshalb konnte er bei allem Druck vor dem Spiel gegen Porto die konkrete Frage nach seiner Zukunft auch so locker und lässig beantworten, wie er gekleidet war. So klang das jedenfalls, als er sagte: „Meine Zukunft ist Mittwoch Training, Donnerstag frei, Freitag Training, und am Samstag zu versuchen, nochmal deutscher Meister zu werden.“ Es folgte eine kurze Pause, ehe er noch einen Satz hinzufügte, und nun klang Guardiola wieder eher kämpferisch denn gelassen: „Und meine Zukunft ist nächstes Jahr hier.“