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Warum viele Statistiken im Fußball wenig aussagen

28.01.2016 | 18:52 Uhr
Warum viele Statistiken im Fußball wenig aussagen
Ewald Lienen, Trainer des FC St. Pauli, schreibt viel und gerne mit. Ob auch Zweikampfwerte darunter sind?Foto: imago

Essen.  Ballbesitz, Zweikämpfe, Passgenauigkeit - viele Bereiche des Fußballs werden exakt vermessen und erfasst. Doch die Zahlen sagen erstaunlich wenig aus.

Längst ist es das bekannteste Stück Papier im deutschen Fußball: jener Zettel, den der deutsche Nationaltorwart Jens Lehmann während des WM-Viertelfinals 2006 aus seinem Stutzen zog und aufmerksam studierte. Die möglichen argentinischen Elfmeterschützen mit ihren bevorzugten Ecken waren dort notiert – und die Vorbereitung sollte sich lohnen: Lehmann hielt zwei Elfmeter, Deutschland zog ins Halbfinale ein.

Vorteil dank Statistik. „Statistiken sind extrem wichtig, weil sie sich immer von einem Einzelfall lösen und auf Mehrheiten schließen“, erklärt Daniel Memmert, Leiter des Instituts für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule in Köln. „Wir suchen immer, ob etwas nicht per Zufall passiert, sondern überdurchschnittlich oft.“ In vielen anderen Sportarten, gerade in den USA, wird längst intensiv mit Statistiken gearbeitet. Legendär ist die Geschichte des Baseball-Klubs Oakland Athletics, der mithilfe eines statistischen Modells unterschätze, aber verblüffend effektive Spieler fand und so eine der erfolgreichsten Zeiten der Klubgeschichte erlebte.

Viele Bereiche des Fußballs sind durchleuchtet

Alle Versuche, dies auf den Fußball zu übertragen, verliefen deutlich weniger erfolgreich. Denn Baseball ist im Wesentlichen eine ständige Wiederholung der gleichen Situation: Der Pitcher wirft den Ball, der Batter versucht, ihn möglichst weit weg zu schlagen. Fußball ist deutlich dynamischer, die Variationsmöglichkeiten sind um ein vielfaches höher. Nur beim Elfmeter ist die Situation eine ähnliche – und schon kann die Statistik auf verblüffend einfache Art und Weise helfen.

Trotzdem sind längst auch viele andere Bereiche des Spiels durchleuchtet und in Zahlen erfasst: Ballbesitz, Zweikampfquoten, Laufstrecke – all dies und noch viel mehr kann der Journalist im Stadion und der Fan zu Hause mit einem Klick auf den Bildschirm bekommen.

Viele Statistiken helfen nicht weiter

Bei der Bewertung eines Spiels helfen die aber kaum, sagt Memmert, der unter anderem Spielanalysten und Journalisten im richtigen Umgang mit Statistiken schult. „Wir haben in einem aktuellen Big-Data-Projekt Parameter herausgefunden, die tatsächlich signifikante Unterschiede zwischen zwei Mannschaften testen auf Sieg und Niederlage“, erklärt er. „Und bei den ganzen Parametern, die überall herumschwirren – Ballbesitz, Passquoten, Eckbälle, Laufdistanzen der Spieler – gibt es keinen signifikanten Unterschied zwischen Sieg und Niederlage.“

Soll heißen: Ob eine Mannschaft mehr oder weniger läuft, ob sie öfter oder seltener am Ball ist – das hat zumindest statistisch gesehen keinen Einfluss auf das Spielergebnis. Wenn nun Statistikdienste oder Medien mit diesen Daten den Spieler des Spiels oder gar die Mannschaft des Spieltags bestimmen, dann ist das vor allem: Spielerei. Denn was nutzt der Innenverteidiger,d er zwar alle seine Zweikämpfe gewinnt, aber wegen schlechtem Stellungsspiel zweimal gar nicht in den Zweikampf kommt und so zwei Gegentore verschuldet? „Wir können nur einen bestimmten Prozentteil des Spiels abdecken“, sagt Statistik-Experte Memmert. „Aber wir tasten uns Schritt um Schritt heran und wir entdecken immer mehr.“

Die Zukunft ist komplexer

Schon jetzt ist klar: Die Zukunft ist deutlich komplexer als die Statistiken, mit denen Journalisten und Fans heute hantieren. „In Zukunft wird es die Verbindung von Indikatoren sein, die uns einen Mehrwert generiert“, erklärt Memmert. „Was hat beispielsweise das Überspielen von Gegenspielern mit Raumkontrolle und Passqualität zu tun?“

Je komplexer die Statistik wird, desto besser bildet sie das Spielgeschehen ab und desto höher ist die Prognosefähigkeit. Aber: Umso schwieriger wird es auch, die Statistiken zu deuten und zu vermitteln. Für den Endverbraucher muss die Komplexität wieder reduziert werden, da geht es den Trainern mit ihren Spielern nicht anders als de Journalisten mit ihren Lesern. Profiklubs beschäftigen längst geschulte Analysten, die aus dem Berg von Daten die wichtigen herausfiltern, zusammenfassen und dem Trainerteam weitergeben.

Schon Hansch sah Probleme

Von dieser Professionalität ist der Journalismus noch weit entfernt. Einzelne Medien experimentieren zwar hier und da schon mit Datenjournalismus, die Sportberichterstattung aber hat das bislang kaum erreicht. Dabei könnten Experten hier helfen, viel genauere Aussagen über Spiele, Spieler und ganze Spielzeiten zu machen.

Denn das der derzeitige Umgang mit Zahlen und Daten problematisch ist, erkannte schon der Fußballkommentator Werner Hansch: "Welche Statistik stimmt schon?“, seufzte der vor vielen Jahren ins ein Mikrofon. „Nach der Statistik ist jeder vierte Mensch ein Chinese, aber hier spielt gar kein Chinese mit.“

Sebastian Weßling

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2016-01-28 18:52
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