Vom eigenen Körper ausgebremst

Siegen/Hagen..  Wenn Sabrina Mockenhaupt in diesen Tagen vor dem Schuhschrank steht, dann greift sie in ein eher ungewohntes Fach. Nicht dorthin, wo die flachen Turnschuhe stehen, die sie fast immer trägt. Sondern ins Fach mit den hochhackigen Schuhen. Pumps sind eigentlich Gift für die sensiblen ­Füße, Gelenke und Muskeln einer Hochleistungssportlerin. Aber derzeit helfen sie. Das streckt das Gelenk, in dem der Schmerz sitzt. „Das passt mir ganz gut“, sagt die Frau mit dem großen Herz und dem kleinen Körper (1,56 m), „dann bin ich ein bisschen größer“. Sie lacht. Das ist kein unwichtiges Detail.

Denn die vergangenen Tage waren nicht sehr erfreulich. Deutschlands wohl bekannteste und beliebteste Leichtathletin hat sie bei Ärzten verbracht, hat hier eine Meinung eingeholt, hat dort um Rat gefragt und ist nun bei einem Spezialisten in Heidelberg gelandet. Ergebnis: Das Sprunggelenk ist entzündet, ein Schleimbeutel muss entfernt werden. Daher kommen die Schmerzen, die sie seit Wochen, seit Monaten in unterschiedlicher Ausprägung plagen. Donnerstag nächster Woche wird sie operiert. Danach: sechs Wochen Laufpause.

Seuchenjahr - Sabrina Mockenhaupt hat den Begriff selbst ­verwendet. Vor ein paar Tagen war das erst. Es war die Beschreibung für 2014, das von Verletzungen und Rückschlägen geprägt war. Nun sollte es endlich wieder aufwärts gehen. Mitten hinein in die Hoffnungen platzt die schlechte Nachricht. Mal wieder wird sie ausgebremst vom eigenen Körper.

Sie sitzt im Auto, draußen rauscht die Siegerländer Landschaft vorbei. Vom Bundeswehrarzt hat sie sich soeben eine Überweisung geholt. „Als ich die Diagnose hörte, war ich natürlich erstmal geknickt“, sagt sie.

Die Zwangspause wirft die Saisonplanungen der 34-Jährigen schwer durcheinander. Der Start bei der Weltmeisterschaft im August in Peking ist mehr als in Gefahr, er ist unwahrscheinlich. „Ich glaube nicht, dass ich das schaffe“, sagt die Langstreckenläuferin. Auf 20 Prozent schätzt sie selbst die Chancen, bis dahin wieder fit zu sein. Und das will sie sein, das muss sie sein: fit.

Das haben sie die zurückliegenden Erfahrungen gelehrt, als sie sich Spritzen geben ließ, um die Schmerzen unter Kontrolle zu bekommen, als sie bei der Europameisterschaft in Zürich trotz Schmerzen im rechten Sprunggelenk startete und in Tränen aufgelöst das Rennen vorzeitig beendete. „Mit der Brechstange geht es nicht. Ich werde mir die Zeit geben, die ich benötige“, sagt sie heute, „ich will wieder die alte Mocki werden. Ich will ein für alle Mal der ­Ursache auf den Grund gehen. Ich mache das zum jetzigen Zeitpunkt, um nicht auch noch Rio in Gefahr zu bringen.“

Dieser Traum von der vierten Teilnahme bei den Olympischen Spielen im kommenden Jahr, der trägt sie über schlechtere Phasen hinweg. Phasen wie diese. Den einen großen Auftritt im Marathon an der Copacabana will sie auf jeden Fall noch Wirklichkeit werden lassen. „Ich will es allen meinen Kritikern zeigen“, sagt sie, „und ich will es mir und meinem Ego beweisen, dass ich es besser kann.“ Denn die Zeiten, die sie lief, waren zuletzt nicht immer gut genug, um Zweifel aus der Welt zu räumen.

Probleme meistern

Längst ist der Enttäuschung die Entschlossenheit gewichen. Die anstehende Operation wird die erste ihrer Karriere. „Ich weiß, wie es ist, wenn man oben ist, wenn es richtig gut läuft“, sagt sie nachdenklich, „diese Zeiten habe ich nie richtig genießen können. Erst jetzt lerne ich, mit Problemen umzugehen und sie zu meistern.“ Das verlangt sie von sich. Und es gelingt ihr bislang.

Sie sagt sich, dass es nur ein kleiner Eingriff sei, dass sie danach vermutlich nicht einmal Krücken benötigen und schnell wieder anfangen können wird, alternativ zu trainieren. Auf dem Fahrrad zum Beispiel. Das geht sogar jetzt noch schmerzfrei. So wie gestern Nachmittag an der Obernautalsperre in Netphen. In Sportschuhen versteht sich, nicht in Hochhackigen.