Ulla Schreiber aus Herne hat auch nach 60 Sportabzeichen nicht genug

Im Fitnessstudio „Fit mit Stil“ trainiert Ulla Schreiber für die nächste Prüfung zum Sportabzeichen.
Im Fitnessstudio „Fit mit Stil“ trainiert Ulla Schreiber für die nächste Prüfung zum Sportabzeichen.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Ulla Schreiber will ihren Rekord bei den Sportabzeichen ausbauen. Auch ein Schlaganfall kann sie nicht bremsen.

Schwerte.. Sascha Endres kennt sich mit inneren Schweinehunden aus: „Wenn du keine Lust hast, immer von vorne anzufangen, gib’ niemals auf“, steht in dicken Buchstaben an der Wand seines Studios „Fit mit Stil“. Der Personalcoach weiß, wie er seine Kunden zum Sport bringt. Bei Ursula Schreiber kann er die Motivationsspritze aber stecken lassen. Sie ist die geballte Willensstärke. 2014 machte die 78-Jährige ihr 60. Sportabzeichen. Seitdem sie 18 ist, hat sie kein Jahr ausgelassen. Zumindest in Nordrhein-Westfalen kann das kein anderer Sportler von sich behaupten. „Bei der Ehrung in Münster waren außer mir nur Männer – und keiner hatte die 60 ohne Pause gemacht“, erzählt Schreiber.

Ein Leben ohne die Leichtathletik kann die frühere Lehrerin für Sport und Musik aus Schwerte sich nicht vorstellen. Seit ihrer Jugend ist das Sportabzeichen eine Pflichtübung. Bei ihren Trainern galt: „Hier geht keiner ohne Abzeichen vom Platz“, sagt sie, „dass es jetzt schon das 60. ist, hat mich aber doch sehr überrascht.“ Schreiber lacht und ihr ganzes Gesicht macht mit. Ihre Energie und Freude ist ansteckend. Dabei hat Ursula „Ulla“ Schreiber eine harte Zeit hinter und noch vor sich.

In der Reha wird „man ja eher kranker als gesund“

Am 11. Juni 2014 passierte es. Ulla Schreiber erinnert sich noch ganz genau, es war das Geburtsdatum ihres verstorbenen Vaters. „Da feiere ich jetzt meinen zweiten Geburtstag“, sagt sie. Es war nachmittags, und plötzlich wurde der 78-Jährigen schwindelig. Sie legte sich ins Bett, es wurde nicht besser. „Das war grausam“, sagt sie. Im Krankenhaus und nach etlichen Untersuchungen die Diagnose: Schlaganfall im Kleinhirn. „Die Ursache kennt man nicht“, sagt Schreiber, „es kann jeden treffen.“

Schreiber hat seitdem Probleme mit dem Gleichgewicht. An Sport war lange nicht zu denken. „Ich war zunächst in der Reha“, erzählt sie, „da wird man ja eher kranker als gesund.“ Wieder zu Hause setzte sie alles ans Gesundwerden: Für sich, aber auch für ihren Mann, den sie pflegt. Und für ihren Sport.

Mit ihrer Lieblingsdisziplin, dem Kugelstoßen, hat die Sportlerin des SV Geisecke keine Probleme, nur das Laufen und Springen fällt ihr schwer. Noch. Denn die selbstbewusste Frau denkt nicht ans Aufgeben: „So lange ich auf den Beinen bin, wird das Sportabzeichen gemacht.“ Nach den Sommerferien will sie wieder ins Training einsteigen. Abzeichen 61 soll folgen.

Direkte Art ohne Jammern und Nörgeln

Hilfe holt sie sich bei Sascha Endres. Während sie auf einer vibrierenden Plattform steht, fragt der: „Trauen Sie sich eine Kniebeuge?“ Schreiber antwortet nicht, sie macht. Wie früher: Als das Schwimmtraining noch in der Ruhr stattfand.

Mit ihrer direkten Art ohne Jammern und Nörgeln hat die 78-Jährige auch andere motiviert. Seit einiger Zeit trainiert sie eine Gruppe von Frauen, ihre Freundinnen, für das Sportabzeichen. Die sind zwischen 40 und 50 Jahre alt, singen mit Schreiber im Chor. Was sie tun muss, um „ihren Nachwuchs“ zu motivieren? „Ich bin die Motivation.“ Sie sagt das und lacht. Dabei kann wohl kein Satz Ulla Schreiber besser beschreiben.