„Tuchel soll erstmal arbeiten dürfen“

Dortmund..  Kurz vor dem Saisonende hat Borussia Dortmund noch große sportliche Ziele. Nicht die Meisterschaft, aber Platz sieben in der Liga und das DFB-Pokal-Finale. Vor dem Heimspiel am Samstag (15.30 Uhr) gegen Hertha BSC spricht Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke (58) über das Endspiel gegen Wolfsburg sowie über Noch-Trainer Jürgen Klopp und dessen Nachfolger Thomas Tuchel.

Herr Watzke, in Dortmund wird derzeit viel vom Umbruch geredet. Stört Sie das?

Hans-Joachim Watzke: Was ist ein Umbruch? Wenn wir drei, vier Spieler holen? Das machen wir jedes Jahr. Ein Umbruch ist, wenn wir die halbe Mannschaft auswechseln. Das wird nicht passieren.

Wie wertvoll wäre eine Qualifikation für die Europa League?

Das noch zu schaffen, wäre gemessen an den Ansprüchen von Borussia Dortmund zwar nicht der allergrößte Erfolg, aber vor dem Hintergrund, dass wir im Februar noch Tabellenletzter waren, eine sehr ordentliche Geschichte und mit Sicherheit die größte Aufholjagd, die ein Tabellenletzter in der Bundesliga je hinbekommen hätte.

Sie sind zuversichtlich?

Wenn wir beide Heimspiele gewinnen, haben wir eine hohe Wahrscheinlichkeit, in der Europa League dabei zu sein. Mit einem Pokalsieg in Berlin stünden wir direkt in der Gruppenphase. Das wären dann 25 bis 30 Millionen Euro.

Im Pokalfinale kommt es zum Duell mit dem von VW unterstützten VfL Wolfsburg. Sie sind nicht gerade ein Freund dieser Art von Vereinen.

(lacht) Meine Position ist bekannt.

Befürchten Sie, dass Ihnen Wolfsburg nicht nur in dieser Saison den Rang ablaufen könnte?

Unabhängig von der Tabelle wird niemand ernsthaft behaupten, dass ein Werksklub mehr Strahlkraft hat als Borussia Dortmund.

Wird Wolfsburg Ihnen dauerhaft einen der drei sicheren Champions-League-Plätze wegnehmen?

Wolfsburg spielt heute schon oben mit. Nicht nur, aber auch, weil es den Konzern gibt, der sagt: Macht euch keine Sorgen, das Minus gleichen wir aus. Wolfsburg kann in der nächsten Saison allein an Gehältern locker 40 bis 50 Millionen Euro mehr in die Mannschaft stecken als wir. Die Wahrscheinlichkeit, sportlichen Erfolg zu generieren, ist also deutlich höher.

Geld könnten Sie über Spielerverkäufe reinholen. Der wechselwillige Ilkay Gündogan könnte Geld in die Kasse bringen. Wer geht noch?

Es ist nicht gesagt, dass wir weitere Spieler abgeben, das müssen wir nicht. Wir werden das in Ruhe entscheiden – nach der Saison.

Wie haben Sie persönlich die Hinrunde als KGaA-Chef erlebt?

Es war furchtbar. Mit Ausnahme der Anfangszeit 2005 war dieses Jahr für mich persönlich die schwierigste Herausforderung. Die ganze Saison stand unter schlechten Vorzeichen. Bei mir privat kam der Schicksalsschlag mit meinem Vater dazu (Hans Watzke verstarb im Spätsommer letzten Jahres, d. Red.). Er hat mir in den Monaten danach sehr gefehlt, weil ich mich mit ihm immer austauschen konnte. Mein Vater war einer der wenigen Menschen, bei denen ich immer wusste, dass ich eine wertfreie Antwort bekomme.

Vor wenigen Wochen hat Trainer Jürgen Klopp um die Auflösung seines Vertrages gebeten. Haben Sie versucht, ihn umzustimmen?

Es war Jürgens Wunsch, und nachdem wir uns sehr, sehr oft ausgetauscht hatten, haben wir alle zusammen das Gefühl gehabt, dass es die richtige Entscheidung ist. Diese Geschichte, die Jürgen mit uns in den sieben Jahren geschrieben hat, ist eine der größten, die es in den letzten 50 Jahren im Fußball gegeben hat. Aber jeder wusste, dass sie irgendwann zu Ende sein wird. Trotzdem hat es weh getan.

Wird er mal Bayern-Trainer, oder verhindert das Ihre Freundschaft?

Ob er je das Bedürfnis hat, zu Bayern München zu gehen, muss er allein entscheiden. Wir würden auch dann Freunde bleiben.

Wäre er der Aufgabe gewachsen?

Jürgen könnte jeden Klub dieser Welt trainieren. Dass er ein großartiger Kerl ist, eine große Ausstrahlung hat, ist alles richtig. Aber das alles Entscheidende – und darauf reduziert sich das bei den Top-Klubs – ist fachliche Kompetenz. Die brauchen niemanden, der übermäßig sympathisch ist oder freundlich, sondern jemanden, der Fußball-Fachmann ist.

Das ist Ihr neuer Trainer Thomas Tuchel auch – und eigenwillig.

Er ist zweifellos ein Fachmann! Ich möchte zum Thema Thomas Tuchel aus Respekt vor Jürgen noch nichts sagen. Nur das: Es gibt ganz wenige Menschen, gegen die es nicht irgendwelche Einwände von Außenstehenden gäbe. Bestes Beispiel ist, dass man damals in Hamburg Jürgen Klopp offenbar nicht haben wollte, weil er Löcher in den Jeans hatte. Es werden gerade am Anfang viele Vorurteile übernommen. Thomas Tuchel sollte bei uns erstmal arbeiten dürfen, bevor er in irgendeiner Art bewertet wird.