Tief im Westen

Mönchengladbach..  Vermutlich lief draußen vor dem Stadion schon der Motor des Mannschaftsbusses, die Kicker von Borussia Dortmund wollten den Ort der Schmach ja schnell verlassen. Doch auf einen Fahrgast mussten die Spieler des Bundesligisten eben doch noch warten, nachdem sie überwiegend wortlos den Gladbacher Borussia-Park verlassen hatten. Michael Zorc ließ seinem Zorn freien Lauf und verteilte verbale Hiebe statt echter Liebe. „Das ist absoluter Weltrekord und nicht zu akzeptieren“, echauffierte sich der BVB-Sportdirektor nach dem 1:3 (0:2), bei dem die Borussia zum dritten Mal in dieser Saison ein Gegentor in der ersten Minute hatte schlucken müssen. „Das sagt viel aus, das ist Schläfrigkeit.“ Sechs Spiele vor dem Saisonende taumelt Schwarzgelb durch die Liga – derzeit zu gut, um abzusteigen, und zu schlecht, um einen Europapokalplatz zu belegen.

Ein Spiegelbild der Saison

Etliche Zuschauer hatten am Samstag noch nicht ihren Platz eingenommen, als Roman Weidenfeller das erste Mal den Ball aus dem Netz holen musste. Nach 28 Sekunden! Es war eine Mischung aus defensiver Arbeitsverweigerung (Mkhitaryan) und fatalem Ausrutschen (Hummels), die Gladbachs aufgerücktem Verteidiger Oscar Wendt im Anschluss an Patrick Hermanns ersten großen Auftritt das 1:0 ermöglichte. „Es bleibt ein Spiegelbild dieser recht frustrierenden Saison“, wollte Sebastian Kehl seinem Sportdirektor nicht widersprechen.

Die sportlich größte Demütigung erfuhren die Dortmunder, ohne Marco Reus und Erik Durm, in der 32. Minute: Herrmann setzte aus der Mitte der eigenen Hälfte zum Solo an, hüpfte über heranfliegende Grätschen Ilkay Gündogans und Sebastian Kehls hinweg und hätte von Dortmunds letztem Mann Neven Subotic nur noch kopfvoran mit einem Tackling aus dem American Football gestoppt werden können. Am Ende dieses famosen 60-Meter-Sprints schob Raffael den Querpass zum 2:0 ins leere Tor. „Ganz ehrlich: Auf Dortmund haben wir gar nicht mehr geschaut“, spottete Granit Xhaka, „selbst wenn wir nur 17 oder 13 Punkte Vorsprung
hätten, würden sie uns nicht mehr überholen.“

Dies ist bei 20 Zählern mehr rechnerisch nicht möglich, bevor der am Samstag völlig desolate BVB am 34. Spieltag erlöst dieser Seuchensaison wird. Diese wird die Borussia vom Niederrhein erstmals seit 1991 vor der aus Westfalen beenden. Zwar bleibt der BVB noch die fünftbeste Rückrundenmannschaft, doch bei ihrer fußballerischen Eindimensionalität drängt sich immer mehr der Zwang eines Neustarts auf. Wobei die finanzielle Umsetzung an den Verkauf von Spielern der Güteklasse Gündogan und Hummels geknüpft sein dürfte.

Der jetzige Zustand ist besorgniserregend, was auch an den vielen Fehlgriffen der jüngeren Transferpolitik liegt. Mit Ausnahme von Reus sind den meisten Offensivspielern Mut und Fähigkeit abhanden gekommen, sich hin und wieder in Dribblings zu begeben und diese erfolgreich zu beenden. Angst vor Fehlern und das Weiterschieben der Verantwortung haben unerschütterliches Selbstvertrauen und die Gier nach Erfolgen ersetzt.

An der defensiven Ausrichtung der Gegner wird sich bis zum letzten Spieltag nicht mehr viel ändern. „Wir haben trotzdem versucht, uns zu fangen und ordentlich Fußball zu spielen“, sagte Dortmunds Bester Marcel Schmelzer, nachdem er in Halbzeit zwei aus der Viererkette ins Mittelfeld beordert worden war. Doch wie Shinji Kagawa am Fünfmeterraum dessen Vorarbeit (50.) danach nicht das lange Bein beim Blaszczykowski-Querpass ausfuhr, verwertete, war einfach kläglich.

Dortmunds Abwehr war stets bemüht

Begünstigt durch einen weiteren Abwehrfehler bei einer Ecke machte Havard Nordtveit mit dem 3:0 (67.) den Sack zu, Gündogan (77.) gelang nur noch Ergebniskosmetik. „Jedes Gegentor war für sich genommen Quatsch“, resümierte BVB-Trainer Jürgen Klopp frustriert. Um noch Platz sieben erreichen zu können, müsse man nun die Heimspiele gegen Paderborn und Frankfurt anders gestalten, vor allem in der Defensive. Denn für das Verhalten dort fand Klopp nur eine Beurteilung: „Wir waren bemüht.“ So etwas möchte kein Arbeitnehmer im Zeugnis über sich lesen.