Thomas Dold läuft rückwärts zum Weltrekord

Thomas Dold beim 5. SkyRun vor der Frankfurter Skyline.
Thomas Dold beim 5. SkyRun vor der Frankfurter Skyline.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Thomas Dold macht alles, was verrückt ist: Er hat zehn WM-Titel, hält sieben Weltrekorde und gewinnt jeden Treppenlauf. Nur vorwärts läuft er nicht so gerne.

Essen.. Dieser Mann steckt voller Ideen. Schema F ist nicht sein Ding. Thomas Dold ist Sportler durch und durch. „Laufen ist mein Leben“, sagt er. Aber wer jetzt meint, der 31-Jährige spule wie so viele Spitzenläufer 100 oder gar 200 Kilometer pro Woche auf dem Asphalt oder auf der Tartanbahn ab, um dann bei den klassischen Leichtathletik-Wettkämpfen aufs Treppchen zu kommen, der liegt völlig falsch. Dold ist zehnmaliger Weltmeister und hält Weltrekorde in sieben Disziplinen.

Weil er es auf normalem Weg nie in die Weltspitze geschafft hätte, entdeckte Dold für sich eine Nische, in der er es ganz nach oben bringen konnte. Genau gesagt sind es sogar zwei Nischen. Keiner auf der Welt ist so erfolgreich wie Dold: im Treppenlauf und im Rückwärtslauf.

Wettstreit „Im Treppenlauf gibt es nichts, was ich noch nicht gewonnen habe“, sagt Dold. Der Betriebswirt ist selbstbewusst, aber in seinen Worten ist kein Hauch von Arroganz zu spüren. Ob in Singapur, Sao Paulo, Sydney, Frankfurt oder Peking: Wenn es darum geht, Wolkenkratzer statt im Aufzug zu Fuß über das Treppenhaus zu erklimmen, dann ist es fast immer Thomas Dold, der als Erster die Plattform erreicht.

Siebenmal in Serie hat er den Empire State Building Run Up in New York gewonnen, das wohl größte Spektakel in der Treppenlauf-Szene: 1576 Stufen, 320 zu überwindende Höhenmeter – und das alles über 86 Stockwerke verteilt. In knapp zehn Minuten.

10.000 Meter unter 40 Minuten

Und weil er im Moment keine weitere große Herausforderung treppauf verspürt, hat er sich den Kick für dieses Frühjahr anderweitig verschafft. Wäre Dold ein normaler Langstreckler, würde man von einem Fabel-Rekord sprechen: Ende April legte er als erster Rückwärtsläufer die zehn Kilometer in weniger als 40 Minuten zurück. Bei 39:20 Minuten blieb die Uhr im Ziel stehen. Zehnmal hintereinander die 1000 Meter unter vier Minuten: Man muss schon ein sehr ambitionierter Läufer sein, wenn man diese Zeit mit den Fußspitzen voraus erreichen will.

Da Dold keinen Rückspiegel hat, ließ er sich von einem Fahrrad begleiten. Es gehört viel Übung dazu, so die Orientierung zu behalten. „Man muss auch Vertrauen in seine Begleitung haben“, sagt Dold. „Ich muss viele Kommandos verarbeiten, damit ich nicht plötzlich in ein Hindernis renne.“ Ein bisschen ist es so wie bei einer Rallye, wenn der Beifahrer aus dem sogenannten Gebetbuch Kurve links, dritter Gang, vorliest und der Pilot dieser Order blindlings folgt.

Thomas Dold ist ein Multi-Talent. Rückwärts und treppauf macht ihm keiner etwas vor, aber notfalls kann er auch vorwärts schnell rennen. Immerhin liegt seine Bestzeit über 10.000 Meter bei 31:27 Minuten. Was Dold aber mindestens genauso gut kann: Er kann sich und seine exotischen Läufe bestens verkaufen. Als Dozent von Motivationsseminaren ist er ein gefragter Mann, und als Manager hat er Lisa und Anna Hahner, das weltweit schnellste Zwillingspaar im Marathonlauf, geschickt vermarktet.

Dold "weiß, wie die Welt umgedreht aussieht"

Der Baden-Württemberger kann wunderbar von seiner Lauf-Leidenschaft erzählen. Es klingt fast philosophisch, wenn er von seinen speziellen Fortbewegungsarten spricht. „Beim Rückwärtslaufen bewege ich mich durch Rückschritte nach vorne“, sagt er. „Ich sehe, was ich zurückgelegt habe und nicht, was noch vor mir liegt. Ich laufe dem Unbekannten entgegen, weiß aber, wie die Welt umgedreht aussieht.“

Und das Treppenlaufen ist für ihn einfach „der direkte Weg zum Himmel“. Da stört es ihn auch nicht, wenn er völlig ausgepumpt, nach Luft ringend auf der Plattform ins Ziel taumelt und erst nach einigen Minuten den Ausblick genießen kann. „Ich fühle Glück und Erschöpfung als Cocktail in den Adern“, sagt Thomas Dold.