Talentförderer ohne Schnickschnack

Prag..  Was empfiehlt ein Trainer einem Spieler, der in eine Krise geraten ist? Er wird ihn ganz sicher an seine Qualitäten erinnern. Er wird versuchen, das Problem im Spiel und im Training zu analysieren. Vielleicht wird er auch herausfinden wollen, ob es privat hapert. Möglicherweise wird er ihm den Gang zum Teampsychologen anraten, der im Fußball etwas hochtrabend „Mentaltrainer“ heißt.

Es sind dies Ratschläge, die zum Alltag des Profifußballs gehören. Jeder Coach hat seine eigene Methode, aber die des U-21-Trainers Horst Hrubesch, dessen Talentauswahl an diesem Mittwoch gegen Serbien das erste Gruppenspiel der Europameisterschaft in Tschechien bestreitet (20.45 Uhr/ARD), hebt sich deutlich von der seiner Kollegen ab. Wenn einen seiner Jungs Selbstzweifel überkommen, so verriet er einst der „Zeit“, rate er dem schon mal, sich einen Anzug anzuziehen: „Dann stellt man sich vor den Spiegel und denkt: eigentlich ein guter Typ.“

In jeder Hinsicht bodenständig

Auf den ersten Blick mag ein solcher Rat sonderbar erscheinen. Aber er hat schon seinen Sinn. Ein ordentlicher Anzug verführt regelrecht zu aufrechter Haltung. Was kann einem jungen Spieler, der aus dem Tritt geraten ist, wohl mehr helfen als die Ahnung, eigentlich doch ganz okay zu sein?

Es ist eine dieser vielen Episoden, die über den Trainer Hrubesch kursieren. Und beinahe alle klingen so, als sei Bodenständigkeit ein Bestandteil seines Nachnamens. Da gibt es den Hof mit den Pferden, den er selber renoviert hat. Da gibt es den Autor von Büchern über das „Dorschangeln vom Boot und von den Ufern“. Der gelernte Fliesenleger und Dachdecker gilt als Mann für das Handfeste. Schon als Spieler bei Rot-Weiss Essen und danach beim Hamburger SV war er nicht fürs Filigrane zuständig. Und außerdem: Als Junioren-Trainer ist er zwar höchst erfolgreich, doch als taktisches Genie, als Visionär, ist er bisher noch nicht aufgefallen.

Musste er auch nicht. Denn erstens sind wirklich große Taktiker im Fußball rar, und zweitens zeigt der Erfolg des Trainers Hrubesch, dass es im Fußball der Gegenwart eben doch um mehr geht als um Messwertkurven und Tortendiagramme, um mehr als den Neigungsgrad, mit dem der „abkippende Sechser“ sich nach innen wendet. Für einen wie Hrubesch es geht schlichtweg erst einmal darum, die Fähigkeiten der Spieler zu erkennen und sie zu fördern.

2016 soll Schluss sein

Wer Hrubesch zuhört, der erfährt wenig über Taktik. Der erfährt dagegen eine Menge darüber, wie eine Mannschaft im Innersten funktioniert. Es sind jene Fähigkeiten eines Trainers, die nicht im Fernsehen diskutiert werden, die Hrubesch auszeichnen. Aber diese Fähigkeiten sind zeitgemäßer denn je, wenn es darum geht, aus einer Gruppe von vielen begabten Individualisten ein Team zu formen. 2009 beim EM-Sieg der U 21 in Schweden spielte Mats Hummels nicht in der Innenverteidigung – Krach gab es trotzdem nicht. Hrubesch erkannte während des Turniers, dass Hummels spielerisch gut genug für das defensive Mittelfeld war. Dass ein Trainer wie Hrubesch von einem halben Dutzend heutiger Weltmeister, die damals beim U-21-Titelgewinn in seiner Elf standen, hoch geschätzt wird, verdeutlicht seinen Anteil am deutschen WM-Titel des Jahres 2014.

Im nächstem Jahr soll Schluss für ihn sein. Rente mit 65. Doch ein paar Monate über das Vertragsende hinaus will er doch noch bleiben. Olympia in Brasilien, dort, wo seine Jungs Weltmeister wurden: Da will Horst Hrubesch mit seiner Mannschaft eine Medaille gewinnen. Es wäre das wundersame Ende einer Karriere, wie sie heute wohl nicht mehr möglich wäre.