Stolz? Erleichtert

Silvia Neid versuchte erst gar nicht, irgendetwas zu beschönigen. Nachdem sich der erste Trubel über den Einzug der deutschen Fußballerinnen in das WM-Halbfinale gelegt hatte, trat die in Wilnsdorf im Siegerland lebende Bundestrainerin vor das Mikrofon der übertragenden Fernsehanstalt ZDF und gab zu, dass dieser Sieg über Frankreich (Bericht auf Seite 3) glücklich gewesen sei.

Und zwar nicht, weil er nach einem Elfmeterschießen gefeiert werden durfte. Denn wie nervenstark Celia Sasic und Co. ihre Elfmeter verwandelten, das hatte wenig mit Glück, sondern mit beinahe faszinierendem Können zu tun.

Die spielfreudigen und kombinationssicheren Französinnen hatten die Partie zuvor dominiert und waren lediglich auf Grund ihrer mangelnden Chancenverwertung in das Elfmeterschießen geschlittert. Das Glück stand Deutschlands Damen in diesen 120 Minuten Pate - und im Tor bewies Nadine Angerer ihre Klasse.

Apropos Angerer.

Deutschland, dieses Fußballland der brillanten Torhüter, kann sich auch bei den Frauen darauf verlassen, zwischen den Pfosten besser ausgestattet zu sein als die Konkurrenz. Halbfinal-Gegner USA hält in Person von Hope Solo eventuell noch mit, aber alle anderen Nationen hinken deutlich hinterher.

Wie übrigens auch das ZDF während der Übertragung des Duells mit Frankreich. Kommentator Norbert Galeske redete zwar viel, aber zu häufig am Thema vorbei. Als Moderator Sven Voss die Partie später gemeinsam mit der Expertin Kim Kulig analysierte, standen eher zwei PR-Mitarbeiter des Deutschen Fußballbundes vor der Kamera als kritische Journalisten.

„Wir sind stolz, dabei gewesen sein zu dürfen“, sagte Voss der Bundestrainerin zum Abschied. Diese war ob der Leistung ihrer Truppe mutmaßlich nicht stolz, sondern nur erleichtert, weiter im Turnier zu sein. Um es überspitzt zu formulieren: Wer sich in der Bundesliga-Saison oder bei Spielen der Herren-Nationalmannschaft über Marcel Reif & Co. aufregt, der merkte: So schlecht sind diese Herren gar nicht.

Ein Randaspekt. Die deutschen Fußballerinnen sind ihrem Titeltraum näher gekommen. Noch wichtiger: Trotz spielerischer Unterlegenheit gaben sie nie auf und bewiesen titelreife Charakterstärke. Selbst nach der Partie, als erst Silvia Neid die Finger in die Wunde legte, also legen musste.