„Stani“ ist jetzt Herr Stanislawski

Hamburg..  Ja, natürlich kommen auch Kunden auf ihn zu und wollen über Fußball und insbesondere über den Zweitligisten FC St. Pauli reden. Oder ein Autogramm haben. Kein Problem. „Was machen Sie noch hier, den Käse finde ich alleine“, habe neulich allerdings auch einer gesagt, „machen Sie unseren Klub wieder fit.“ Macht er natürlich nicht. Nicht jetzt.

Geht ja gar nicht, nach so kurzer Zeit. Holger Stanislawski ist jetzt Supermarkchef, seit November gehören ihm und seinen Partnern Alexander Laas und Bernd Enge 80 Prozent des gigantischen Rewe-Centers in einem alten Straßenbahn-Depot in Hamburg-Winterhude. 45 000 Artikel auf 6300 Quadratmetern, 120 Angestellte.

Die Fahrten zu den Bauernhöfen

Der langjährige Fußballprofi, Vizepräsident, Manager und Trainer des FC St. Pauli setzt mit seinem Kompagnon Laas (einst Profi beim HSV und in Wolfsburg) auf gewisse Weise eine alte Tradition fort, die in den Zeiten explodierter Spielergehälter seit zehn Jahren fast vergessen ist. Die Karriere nach der Karriere: Das Schreibwarengeschäft von Weltmeister Hans-Georg „Katsche“ Schwarzenbeck in München ist zum Beispiel legendär.

„Ich will nicht mit 60 noch auf Trainerjobs warten müssen und in der Weltgeschichte herumreisen, wo gerade was frei wird“, begründet der 45-Jährige seine Entscheidung für das „zweite Standbein“. Letztlich war es eine „Kaffee-Idee“ („Schnaps trinke ich nicht“), die sich immer mehr konkretisierte. Im Oktober 2013 hat er mit dem langjährigen HSV-Aufsichtsrat Bernd Enge, der sein Trainer beim SC Concordia war, beim Kaffee zusammengesessen. Der war jahrelang bei Edeka, kennt sich aus im Supermarktgeschäft, sie redeten erst locker, schließlich planten sie die Details. Und jetzt will Stanislawski lernen, auf dem zweiten Standbein auch zu stehen.

Er redet von „Renner-Penner-Listen“, auf denen die Produkte stehen, die gut gehen oder eben nicht. Beschreibt die Vorteile elektronischer Preisschilder („Man muss nicht immer Zettel tauschen“), hat im Rahmen einer „Fleischschulung“ etliche Höfe abgefahren. Bio-Gemüse gibt es am Wochenende frisch und einzeln, das spart Plastikmüll. Vegetarische, vegane und glutenfreie Produkte werden demnächst deutlich mehr dazukommen. „Leute, die sich gesund ernähren, geben auch mehr Geld aus“, hat Stanislawski festgestellt. Die will er haben, klar. Der Laden soll alles bieten und jeden reinziehen: „Vom Rotwein für 1,29 Euro bis zum Whiskey für über 500 Euro haben wir hier alles.“

Für seine Angestellten ist er der „Herr Stanislawski“ und nicht mehr der „Stani“ wie beim Fußball. Die in langer Laufbahn erworbenen Kenntnisse in Menschenführung kann er dennoch anwenden. „Motivieren, die Mitarbeiter mitnehmen,“ das sei schon ähnlich, allerdings braucht es eine größere Distanz: „Ich bin vom Typ her ja nicht anders als früher, aber ich kann mich nicht mit einem Mitarbeiter der Käseabteilung abklatschen und fragen: Was geht?“

An manchen Tagen steht er schon um sechs Uhr morgens auf der Matte, wenn die Lieferungen kommen. Manchmal bleibt er auch bis 22.30 Uhr, wenn die Rollläden runtergelassen werden. Zehn Stunden täglich ist er vor Ort, sagt er, „an sechs Tagen in der Woche.“

Trotzdem verfolgt er das Fußballgeschäft intensiv. Eine Rückkehr ist theoretisch denkbar. Im Sommer hat er sich das Regionalligaspiel zwischen Essen und Oberhausen angeschaut und schwärmt: „Mein Kumpel Marc Fascher ist da Trainer. 4:4, ein Super-Kick.“

Der Besuch bei Rot-Weiss Essen

Die Szene hat ihn auch noch nicht vergessen: „Ich habe im letzten Jahr zwölf konkrete Anfragen als Trainer und Sportchef erhalten.“ So verhandelte er im Sommer mit Bundesliga-Absteiger 1. FC Nürnberg. Aber noch ist er nicht wieder bereit. Im Sommer 2013 hatte er beim 1. FC Köln aufgehört, er brauchte eine Pause.

Und so verkauft er jetzt seinen Laden mit ansteckender Überzeugungskraft. Der Markt brummt, 6000 Kunden kommen am Sonnabend, 35 000 in der gesamten Woche. Stanislawski geht gerne durch die Regalreihen. Er sagt: „Es ist eine große Herausforderung. Ich lerne jeden Tag dazu. Aber es macht auch jeden Tag Spaß.“ Man glaubt es ihm sofort. Der Fußball muss noch warten.