Wie es ein Sauerland-Team zur Tour de France schaffen soll

Die Leinau-Zwillinge Joann und Louis Leinau sowie Jaimy Sterenborg vom RC Victoria Neheim geben dem Sauerland-Team derzeit ein Gesicht.
Die Leinau-Zwillinge Joann und Louis Leinau sowie Jaimy Sterenborg vom RC Victoria Neheim geben dem Sauerland-Team derzeit ein Gesicht.
Foto: Heiner Köpcke
Was wir bereits wissen
Jörg Scherf aus Neheim war bis 2011 selber Rad-Profi, nun will er einen seiner Träume verwirklichen: Ein Team zur Tour de France zu bringen. Genauer: Ein Team mit Fahrern aus dem Sauerland. Der Plan steht, das Budget ist zur Hälfte erreicht - und das Wissen über die Branche hat Scherf ohnehin. 2016 soll es losgehen.

Neheim/Hagen.. Die Weltläufigkeit zeigt sich in jeder E-Mail. Die freundliche Grußformel am Schluss steht da nicht nur in deutscher Sprache, sondern auch auf Englisch, Russisch und Holländisch. Das gehört zum guten Ton des seriösen und erfolgreichen Geschäftsmannes, der Jörg Scherf ist. Das ist wichtig zu wissen, wenn man hört, was er vorhat: Ein Radsport-Team aus dem Sauerland zur Tour de France zu bringen.

Nein, den Puls muss man ihm nicht fühlen. Jörg Scherf meint das ernst - und er hat zusammen mit Geschäftspartnern einen detaillierten Plan entwickelt. „Das ist keine Fantasie, die wir haben. Die Strukturen existieren, es ist nicht so, dass das ein Start aus dem Nichts ist.“

Scherf ist ein Kenner des Geschäfts

Der 39-jährige Neheimer war bis 2001 selber Rad-Profi, fuhr für das Team Gerolsteiner und später für das Team Cologne. Mittlerweile ist er Versicherungsmakler und seiner alten Branche auf diese Weise verbunden: Für 41 internationale Rad-Teams und ihre 1000 Fahrer bietet Scherf zusammen mit seinem Geschäftspartner Heiko Volkert speziell zugeschnittenen Versicherungsschutz. Er kennt also das Geschäft, er kennt die Tücken, den Aufwand, die Probleme. Aber womöglich auch den Weg nach oben. „Wir wissen, wie es geht.“

Seit er elf Jahre alt ist, ist er „dem Radsport verfallen“, wie Scherf sagt. Die Idee, ein eigenes Team an den Start zu bringen, trägt er fast ebenso lang mit sich herum. Er ist mal gefragt worden, was er machen würde, wenn er satt im Lotto gewinnen würde. Scherf dachte nicht an Ferraris, Häuser oder Designerklamotten, sondern daran, ein Team zu gründen und bei der Tour de France zu starten. So nah an der Umsetzung war er wohl noch nie.

WM in Katar als Höhepunkt

Die diesjährige Auflage des bedeutendsten Radrennens der Welt im Juli kommt logischerweise noch zu früh. 2016 soll das Profi-Team erstmals an den Start gehen, zunächst als Continental Team, in der dritten Liga sozusagen. Es startet dann zum Beispiel bei den Rennen in der Bundesliga, bei nationalen Klassikern wie dem in Frankfurt (früher: „Rund um den Henninger Turm“) oder „Rund um Köln“, aber auch bei kleineren internationalen Rundfahrten in Europa und Asien. Höhepunkt der Terminplanung für das kommende Jahr soll die Teilnahme an der WM in Katar sein.

Rad-Talente gibt es im Sauerland, sie fahren derzeit für das NRW-Team in der Bundesliga. Sie sollen die Basis bilden, Spitzenfahrer später das Niveau anheben. Die Planungen seien, so Scherf, mit den Landestrainern besprochen. Mögliche Kandidaten sind die Zwillinge Joann und Louis Leinau vom RC Victoria Neheim, dessen Vorsitzender Scherf ist. Auch das U23-Talent Marvin Kötting aus Attendorn ist ein Kandidat. Sie sollen den Weg gehen, den Marcel Sie-berg schon gegangen ist. Der Profi saß während seiner Jugendzeit erfolgreich für den RC Victoria Neheim auf dem schmalen Rennsattel und fährt jetzt bei der Tour de France an der Seite von Andre Greipel (Lotto Soudal). Als Vorbild für das Sauerland-Team taugt das in Bielefeld beheimatete Giant-Alpecin-Team, das als Continental Team begann und für das unter anderem die Deutschen Marcel Kittel und John Degenkolb fahren.

Derzeit laufen Verhandlungen mit Geldgebern

Derzeit laufen die Gespräche mit Sponsoren. Die Hälfte des im ersten Jahr auf eine niedrige sechsstellige Summe bezifferten Budgets haben die Macher durch viele kleinere Geldgeber zusammen. Scherf und Co. locken die Sponsoren mit der Perspektive, dass der Dopingsumpf im Radsport ausgetrocknet scheint, dass die ARD nun wieder in die Live-Berichterstattung einsteigt, dass der Markt wieder voller Chancen ist. Im Aufwind einer wiederbelebten Branche soll es auch für das Rad-Land Sauerland aufwärts gehen.

„Es wird 2016 ein Team geben. Größe und Niveau hängen von den weiteren Gesprächen ab“, sagt Jörg Scherf - auf Sauerländisch.