Wattenscheiderin Esther Cremer kämpft gegen ihren Kopf

Esther Cremer (l.) kann bei der Deutschen Meisterschaft der Leichtathletik im 400-Meter-Lauf ihren vierten Titel in Folge holen.
Esther Cremer (l.) kann bei der Deutschen Meisterschaft der Leichtathletik im 400-Meter-Lauf ihren vierten Titel in Folge holen.
Foto: imago
Was wir bereits wissen
Esther Cremer vom TV Wattenscheid 01 ist die beste deutsche 400-Meter-Läuferin. Bei der DM in Ulm kann sie am Wochenende ihre Siegesserie fortsetzen: Seit 2011 ist sie ungeschlagen. Von sich selbst sagt sie jedoch, sie sei ein Kopfmensch - und tüftelt deshalb weiter an der richtigen Renntaktik.

Wattenscheid.. Wer auf Esther Cremer eine Wette abschließen will, kann sich das Geld sparen. Nicht weil sie nicht gut genug für einen vorderen Platz ist, sondern weil sie so überlegen ist, dass kaum mehr als der Einsatz ausbezahlt würde. Esther Cremer vom TV Wattenscheid 01 hat bereits 2011, 2012 und 2013 bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften über 400 Meter gewonnen. Wenn sie sich auf der Stadionrunde am Wochenende nicht verläuft, wird die 26-Jährige in Ulm den vierten Titel in Serie holen.

Und da die Wattenscheiderin auch gleich zu Saisonbeginn mit 51,87 Sekunden die Norm für die Europameisterschaften in Zürich erfüllte, kann sie die deutschen Titelkämpfe zum Experimentieren nutzen. „Ich bin oft zu verkopft“, sagt Esther Cremer über sich. Es ist wohl kein Zufall, dass sie nach dem Bachelor-Abschluss in Umwelttechnik den Master in Maschinenbau anstrebt. Als Studentin geht sie mit Bausätzen um – so zerlegt sie auch den 400-Meter-Lauf in seine Einzelteile. „Ich bin ständig auf der Suche nach der goldenen Mitte“, sagt sie.

Nicht einfach drauflos rennen

Über 400 Meter kann man nicht einfach drauflos rennen. Wer das tut, dem geht auf der Zielgeraden der Sprit aus und fällt noch hoffnungslos zurück. Oder sportwissenschaftlich ausgedrückt: Wer ein zu schnelles Anfangstempo wählt, dessen zu hoher Laktatwert wirkt sich im Endspurt leistungslimitierend aus.

Leichtathletik Esther Cremer tüftelt immer noch an der richtigen Taktik. Es ist die hohe Kunst der Viertelmeiler: Am Anfang nicht zu forsch, aber auch nicht zu langsam angehen, um so bis ins Ziel voll durchziehen zu können. „In den vergangenen Jahren habe ich es auf den ersten Metern oft übertrieben“, sagt sie, „deshalb wollte ich es in diesem Jahr besser machen. Leider war ich manchmal zu langsam.“ In Ulm wird sie ihre Suche nach dem perfekten Lauf fortsetzen. Und das zweimal: im Vorlauf und im Finale.

Die Sache mit dem blauen Elefanten

Esther Cremer weiß, sie sollte weniger nachdenken, sie sollte einfach laufen: entspannt, aber schnell. Als Kopfmensch ist das nicht einfach. „Wenn man sich vornimmt, nicht zu denken, dann klappt es nicht“, sagt sie, „es gibt doch das Beispiel: Denken Sie nicht an einen blauen Elefanten. Und man bekommt ihn nicht mehr aus dem Kopf heraus.“

Am Wochenende will sie weder an einen blauen Elefanten noch an die EM in Zürich denken. Erst einmal den vierten Titel auf nationaler Ebene gewinnen, lautet ihr Motto. Und auch die Qualen, die sie im Ziel peinigen werden, wird sie verdrängen. 400 Meter fast im Höchsttempo zu laufen, das tut weh. Die Oberschenkel schmerzen, die Lunge brennt.

Ein bisschen masochistisch

Muss man als 400-Meter-Läufer masochistisch veranlagt sein? „Jein“, antwortet Esther Cremer, „man muss es schon wollen. Aber wenn ich im Ziel so richtig kaputt bin, dann weiß ich auch, dass ich etwas geschafft habe.“

Bei der EM in Zürich will sie ins Finale kommen. An welcher Stelle sie in Europa derzeit steht, will sie nicht wissen: „Dann denke ich zuviel darüber nach.“ Achtung, Kopfmensch Esther Cremer, bitte nicht weiter lesen! Sie steht an zehnter Stelle, acht erreichen den Endlauf.