Tony Martin nach Tour-Sturz: „Das Gelbe Trikot war es wert“

Das Ende in Gelb: Tony Martin nach seinem Sturz am Ende der sechsten Tour-Etappe.
Das Ende in Gelb: Tony Martin nach seinem Sturz am Ende der sechsten Tour-Etappe.
Foto: imago/Belga
Was wir bereits wissen
Der gestürzte Radprofi Tony Martin über sein Tour-Drama, warum er eine gebrochene Schulter in Kauf nimmt und über die Vertrauenskrise seines Sports.

Hamburg.. Eine Sache muss Tony Martin, 30, vor der Verabschiedung noch loswerden: ob bitte erwähnt werden könne, wie gut er sich aufgehoben fühlt im Unfallkrankenhaus Hamburg. Eine Titanplatte neuesten Typs ist ihm in der linken Schulter eingesetzt worden. Sie soll das Schlüsselbein fixieren, das er sich bei der Tour de France in der Schlussphase der sechsten Etappe gebrochen hatte. Das Gelbe Trikot, das er sich danach letztmals überstreifen durfte, lagert in der Reisetasche neben dem Krankenbett. Matthias Hahn, Martins langjähriger Trainingspartner, ist auch da, um seinem Freund beizustehen.

Wochenzusammenfassung Herr Martin, wie geht es Ihnen?

Tony Martin: Den Umständen entsprechend gut. Die Operation ist sehr gut verlaufen, ich kann den Arm schon ein bisschen bewegen. Ich bin froh, dass alles so gut organisiert wurde. So ein offener Bruch ist ja doch nicht ganz unkritisch, man weiß nie, ob nicht Bakterien in den Körper gelangen.

Wie kam es zu dem Unfall?

Martin: Ich habe ihn mir auf dem Handy angeschaut, aber nur wenig Erinnerung daran. Ich bin sicher am Hinterrad meines Vordermanns hängen geblieben. Aber warum ich nach rechts ausschere, kann ich nicht sagen. Bei einem Sprint ist viel Nervosität im Spiel, es ist einfach unglücklich gelaufen.

Krankheit Was schmerzt mehr: die Schulter oder zuschauen zu müssen?

Martin: Definitiv das Letztere. Ich habe die Jungs schweren Herzens verlassen, habe mir nach dem Aufwachen gleich die Liveübertragung angeschaut. Ich leide und fiebere immer noch mit und hätte den Jungs gern geholfen, ihre individuellen Ziele zu erreichen.

War das Gelbe Trikot diesen Preis wert?

Martin: Auf jeden Fall. Wenn man mir vorher das Gelbe Trikot und einen Etappensieg gegen einen Schlüsselbeinbruch angeboten hätte, hätte ich den Deal angenommen. Das mag sich hart anhören, aber es ist die Tour. Da gehst du davon aus, in der ersten Woche ein-, zweimal zu stürzen.

Immerhin sind Sie jetzt eine Legende. Im Gelben Trikot sind nur wenige ausgeschieden.

Martin: Die ganze Tour war ein Auf und Ab der Gefühle. Erst die vergebliche Jagd nach dem Gelben Trikot, dann die Triumphfahrt und schließlich das Aus. Mit einem gewissen Abstand werde ich darauf stolz zurückschauen können.

Doping Täuscht der Eindruck, oder wird bei der Tour noch härter gefahren als bisher?

Martin: Man ist jedes Jahr aufs Neue überrascht, wie viele Fahrer verletzt ausscheiden. Wenn ich an meine früheren Starts zurückdenke, da haben die enge Streckenführung und die Wind- und Wetterverhältnisse oft für Stürze gesorgt. Da hat sich wenig geändert.

Wird Ihr Erfolg das Interesse am Radsport steigern oder das Misstrauen?

Martin: Beides. Faszination und Ablehnung liegen bei der Tour naturgemäß eng beisammen, wobei die Faszination in der ersten Woche sicher noch überwiegt. Bei den Fahrern in Gelb gab es keinen Anlass zum Misstrauen. Wenn es dann in die Berge geht und ein Fahrer die anderen wie Schüler aussehen lässt, kommen die Zweifel auf – auch bei mir.

Der aktuelle Dopingfall Paolini . . .

Martin:. . . ist sehr bedauerlich, weil er wieder negative Schlagzeilen bringt – ganz unabhängig von der Frage, wie das Kokain in seinen Körper gelangt ist. Da bekomme ich einen Hals.

Tour de France Das Gelbe Trikot war ein Lebenstraum. Welche Wünsche sind noch offen?

Martin: Ich bin da auch in mich gegangen. Was wirklich schön wäre: die Goldmedaille bei Olympia, vielleicht der Sieg bei einem großen Eintagesrennen, mit Glück vielleicht der Weltmeistertitel im Straßenrennen.

Hamburg würde gern 2024 Olympia ausrichten. Dann sind Sie immer noch in einem guten Radsportalter.

Martin: Wenn Hamburg die Spiele holt, werde ich definitiv so lange Rad fahren. London 2012 waren meine ersten Spiele. Da habe ich das olympische Motto „Dabei sein ist alles“ erst richtig verstanden. Die Silbermedaille im Zeitfahren war ein toller Erfolg, aber die Ehre, Teil dieses großartigen Ereignisses zu sein, hat mir sehr viel gegeben. Meinetwegen könnte meine Karriere nur noch aus Olympischen Spielen bestehen. In neun Jahren in Hamburg die Karriere zu beenden, wäre das Größte für mich.