Tennis-Teamchef Kohlmann sieht Chance für Kohlschreiber

"Jeder muss sich hinterfragen": Daviscup-Teamchef Michael Kohlmann.
"Jeder muss sich hinterfragen": Daviscup-Teamchef Michael Kohlmann.
Foto: Imago
An diesem Montag beginnt in London das wichtigste und prestigeträchtigste Tennis-Turnier. Der Rasen in Wimbledon liegt bereit. Doch ein erfolgreiches Abschneiden der deutschen Tennis-Herren würde überraschen. Ein Gespräch mit Daviscup-Teamchef Michael Kohlmann aus Herdecke über den Status quo und Hoffnungen für die Zukunft.

Hagen.. Der grüne Teppich ist ausgerollt: Auf dem für Tennisspieler heiligen Rasen von Wimbledon beginnt an diesem Montag das prestigeträchtigste und wichtigste Turnier des Jahres. Vor dem dritten von vier Grand-Slam-Turnieren des Spielkalenders sprachen wir mit Bundestrainer Michael Kohlmann aus Herdecke über das derzeit darbende deutsche Herren-Tennis.


Herr Kohlmann, haben Sie die Koffer schon gepackt?

Michael Kohlmann: Nein, ich reise nicht nach London, da ich mit den Jungs aus dem B-Kader unterwegs sein werde. Zu Beginn des Jahres war die Nachwuchsarbeit ja meine eigentliche Arbeit, das Engagement als Daviscup-Kapitän kam kurzfristig dazu. Insofern war die Planung immer so, dass ich derzeit noch den B-Kader im Fokus habe und meine Aufmerksamkeit in den kommenden Wochen verstärkt auf die Relegations-Partie im September lege.

Klingt nicht gerade nach einer idealen Konstellation...

Kohlmann: Natürlich wäre es besser, wenn in Wimbledon und bei den anderen großen Turnieren auch jemand vor Ort wäre. Aber das ist eine Übergangsphase, das wussten wir vorher.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie als Daviscup-Teamchef nun Wimbledon entgegen?

Kohlmann: Für Philipp Kohlschreiber ist es natürlich äußerst unglücklich, gleich in der ersten Runde gegen den Titelverteidiger und Weltranglistenersten Novak Djokovic spielen zu müssen. Das ein dickes Ding. Aber ich glaube, dass er trotzdem eine gute Chance hat: Er ist ein guter Rasenspieler und Leute wie Djokovic schlägt man in der ersten Runde oder eben gar nicht mehr im Turnier. Außerdem hat Djokovic seit den French Open nicht mehr gespielt, das kann eine Rolle spielen.

Trauen Sie einem deutschen Spieler eine Überraschung zu?

Kohlmann: Über ein paar Überraschungen würde ich mich freuen. Aber mich jetzt auf einen Hoffnungsträger festzulegen und Druck aufzubauen, das macht keinen Sinn.

Aber Hoffnungsträger wären schön im deutschen Herren-Tennis. Seit Jahren stagniert es. Bei den ersten beiden Grand-Slam-Turnieren in Melbourne und Paris war Benjamin Becker in Runde drei erfolgreichster Deutscher, in Wimbledon ist erstmals seit 1998 kein Deutscher unter den topgesetzten 32...

Kohlmann: Ich will keine Ausreden suchen, aber Philipp Kohlschreiber, Florian Mayer oder Benjamin Becker waren eigentlich immer gesetzt. Dass die aufgrund ihres Alters mal Probleme mit dem Körper bekommen und ausfallen könnten, war abzusehen. Aber dass sie so lang ausfallen, dass sie aus der Setzliste fallen, ist Pech.

Aber es ist nicht alles nur Pech.

Kohlmann: Der Rest ist der Schnitt, an dem es zu arbeiten gilt. Wir schauen auf die aktuellen Leute, die 24 bis 28 Jahre alt sind und in der Weltrangliste zwischen Position 100 und 180 liegen. Die haben alle schon außergewöhnliche Leistungen gebracht, die es gilt, konstanter auf den Platz zu bringen. Und wir legen ein weiteres Hauptaugenmerk auf die 16- bis 24-Jährigen. Das ist die nächste Generation, die heranwächst, die wir so vorbereiten müssen, dass nicht das Gefühl aufkommt, das deutsche Herrentennis hätte ein Problem.

An wen denken Sie bei den außergewöhnlichen Leistungen?

Kohlmann: Wenn ich mich erinnere, wie Peter Gojowczyk im vergangenen Jahr im Daviscup gegen Frankreich gespielt hat, wie er Jo-Wilfried Tsonga geschlagen hat - das war überragend. In der zweiten Qualifikationsrunde in Wimbledon ist er aber jetzt gescheitert. Oder ein Jan-Lennard Struff, der gegen Gilles Simon im März im Daviscup ein ebenso beeindruckendes Spiel macht, aber seitdem kaum noch Matches gewinnt. Da denke ich mir: Das kann doch nicht sein. Die haben doch das Tennisspielen nicht verlernt.

Woran liegt es dann?

Kohlmann: Ich kann es mir auch manchmal nicht erklären. Ich weiß, dass die Jungs, die zwischen Position 100 und 180 liegen, auch nicht gerade zufrieden sind und mit ihren eigenen Trainern an Lösungen tüfteln. Woran es genau liegt, kann ich nicht sagen, weil ich als Bundestrainer nicht in der täglichen Arbeit stecke.

Was unterscheidet denn einen, der es ganz nach oben schafft, von einem, der auf Position 100 steht?

Kohlmann: Ich glaube, wir müssen dahin kommen, dass die Spieler am Ende eines Jahres von sich behaupten können, alles, aber auch wirklich alles rausgeholt zu haben.

Ist das denn derzeit nicht der Fall?

Kohlmann: Das will ich nicht sagen. Es kann immer mal sein, dass man in ein kleines Loch fällt, weil man verletzt war oder sich länger an einer unglücklichen Niederlage aufhält. Jeder der Spieler hat ein gutes Umfeld, aber jeder muss sich hinterfragen, ob es das perfekte Umfeld ist. Es ist wichtig, sich ständig neue, anspruchsvolle Ziele zu stecken und diese konsequent zu verfolgen. Djokovic ist nicht umsonst die Nummer eins der Welt. Der macht in seinem Leben alles, um besser zu werden. Das ist extrem, aber einen Teil davon kann sich jeder Spieler abschauen.

Fehlt es Deutschland an talentiertem und zielstrebigen Nachwuchs?

Kohlmann: Das unterschreibe ich nicht. Wir haben mit Alexander Zverev einen 97er-Jahrgang, der ebenso außergewöhnlich gut ist wie die 2000er Rudi Molleker und Nicola Kuhn. Da müssen wir uns nicht bange machen für die Zukunft. Ich denke, dass wir den richtigen Weg schon unter Carsten Arriens (Kohlmanns Vorgänger, als Teamchef d. Red.) eingeschlagen haben. Die Zukunft sieht gut aus. Wir dürfen uns da nicht verrückt machen lassen. Dann müssen wir uns in Zukunft auch nicht mehr mit der Frage aufhalten, warum die Tennis-Herren den deutschen Damen hinterherhinken.

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