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So denkt Philosophie-Professor Gebauer über das schwärzeste Jahr des Sports

30.12.2015 | 19:47 Uhr
So denkt Philosophie-Professor Gebauer über das schwärzeste Jahr des Sports
Uefa-Chef Michel Platini (r.) gratuliert Fifa-Boss Sepp Blatter im Mai 2015 zur Wiederwahl. Jetzt sind sie gesperrt.Foto: imago

Essen.  Philosophie-Professor Gunter Gebauer ist entsetzt über die Skandale von 2015. Und dennoch freut er sich auf die nächsten Großereignisse.

Die Tage zwischen den Jahren sind die Zeit der Bilanzen. Die vergangenen zwölf Monate haben den Sport verändert. Der Fußball-Weltverband Fifa, die Europäische Fußball-Union Uefa und der Deutsche Fußball-Bund sind von Skandalen erschüttert. In der Leichtathletik soll Ex-Weltverbands-Präsident Lamine Diack Doping-Fälle vertuscht haben. Gunter Gebauer, renommierter deutscher Sportphilosoph und Professor an der FU Berlin, spricht nicht nur über diese Skandale. Er erklärt auch, warum er trotz allem vom Fußball fasziniert ist und was er von Usain Bolt sowie Robert Harting hält.

War 2015 das bisher schwerste Jahr des Sports?

Gunter Gebauer: Ja, eindeutig. Die Konflikte und Probleme, die der Weltsport seit Jahren mit sich herumträgt, sind aufgeplatzt. Die großen Fußball-Verbände und die Leichtathletik sind betroffen. Aber auch andere Verbände stehen nicht gut da. Das Internationale Olympische Komitee hat seine Probleme. In Deutschland gab es in Hamburg die definitive Zurückweisung der Olympischen Spiele, das heißt, die Bevölkerung kehrt sich vom olympischen Sport ab. Und unserem Fördersystem in Deutschland steht das Wasser bis zum Hals.

Vor drei Jahren haben Sie gesagt, Joseph Blatter sei eine verschlagene Person, die in einen Mafiafilm gehöre. Ist es nicht ein gutes Zeichen, dass der Fifa-Chef und auch Uefa-Boss Michel Platini von der Fifa-Ethik-Kommission gesperrt worden sind? Hätten Sie dies vor einem Jahr für möglich gehalten?

Gebauer: Nicht vor einem und erst recht nicht vor drei Jahren. Es ist etwas Positives, wenn die Fifa, die wie die Mafia funktioniert, tatsächlich auffliegt. Es gibt aber noch drei unbeantwortete Fragen. Wie konnten diese Machenschaften überhaupt passieren? Ist dies in Zukunft auch noch möglich, und wie wird das Machtvakuum gefüllt? Es freut mich, dass Blatter und viele andere aufgedeckt worden sind. Es ist auch gut, dass im DFB so etwas wie ein frischer Wind weht. Das ist aber alles nicht aus dem Sport selbst gekommen. Die Fakten wurden nicht von der Ethikkommission geliefert, sondern durch Einsatz der Anti-Mafia-Gesetzgebung in den USA.

Fifa
Sepp Blatter nennt seine Fifa-Sperre

Präsident Sepp Blatter sowie UEFA-Boss Michel Platini wurden für acht Jahre von der Fifa-Ethikkommission gesperrt. Blatter will dagegen vorgehen.

Müsste es in Deutschland auch solche Möglichkeiten geben?

Gebauer: Bei uns kann der Justizminister nicht so einfach in die Fifa- oder DFB-Konten schauen. Der Sport hat bei uns Autonomie-Rechte, die er in den USA nicht hat. Der Sport würde solche Maßnahmen mit Widerwillen aufnehmen. Aber die Diskussion hat begonnen, wir haben immerhin schon ein Anti-Doping-Gesetz. Das ist vernünftig, obwohl ich nicht generell alles vom Staat geregelt haben möchte.

Wolfgang Niersbach ist als DFB-Präsident zurückgetreten.

Gebauer: In Deutschland war er aufgrund massiver Indizien und falscher Aussagen in der Öffentlichkeit nicht mehr glaubwürdig. Deshalb wurde er vernünftigerweise zum Rücktritt gedrängt. Mit Niersbach hätte man einen schwer belasteten Mann an der Spitze gehabt. Da wäre jegliche Autorität verloren gegangen. Ein Neuaufbau ist richtig.

Trotz dieser Skandale boomt der Fußball. Das Fernsehen zahlt Rekordsummen für die Übertragungsrechte. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Gebauer: Das finde ich in sich stimmig. Es geht um den Fußball auf dem Rasen und nicht um den am grünen Tisch, der von korrupten Funktionären ausgekungelt wird. Der Fußball ist ein in unsere Zeit passendes qualitativ hochwertiges Produkt. Der Fußball hat sich auch wissenschaftlich enorm entwickelt. Die Qualität der Trainer und Spieler ist mit denen von vor 20 Jahren nicht zu vergleichen. Dieser Sport fasziniert. Fifa und Uefa sind weitgehend nur Schmarotzer. Das Einzige, was sie tun, ist viel Geld zu generieren, indem sie zum Beispiel eine WM nach Katar geben, wo fast kein Einheimischer selbst Fußball spielt. Das ist das totale Desaster.

Kugelstoßerin Christina Schwanitz hat nach ihrer Wahl zur Sportlerin des Jahres gesagt, durch den Fußball werden alle anderen Sportarten an den Rand gedrängt.

Sportphilosoph Gunter Gebauer Foto: imago

Gebauer: Das kann ich verstehen, aber als Leichtathletin geht es ihr noch einigermaßen gut. Es gibt andere Sportarten wie Kanu, Hockey oder Fechten, da werden phantastische Sportler gar nicht beachtet. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen oder auch in Zeitungen werden sie kaum erwähnt. Das ist sehr schade.

2016 stehen die Olympischen Spiele in Rio an. Wie sehr haben die Doping-Skandale dem Sport geschadet?

Gebauer: Sehr. In der Leichtathletik haben wir Rekorde gesehen, die gar keine waren, weil fünf Tage nach dem Rennen herausgekommen ist, dass der Sieger betrogen hatte. Da fühlt sich der Sportfan, der mitgefiebert hat, um seine Begeisterung betrogen.

Was empfinden Sie als ehemaliger Leichtathlet, wenn Sie den gerade erneut zum Weltsportler gewählten Usain Bolt sehen?

Gebauer: Ich habe immer ein wenig Magenschmerzen bei ihm. Bolt ist ein grandioser Sportler, aber die Art und Weise, wie er seine Rekorde gelaufen ist, sein Showgehabe nervt mich enorm. Auch seine Egozen­trik. Es geht nur um ihn und nie um seine Gegner.

Halten Sie ihn für sauber?

Gebauer: In Jamaika gibt es kein anständiges Anti-Doping-System. Es gab jahrelang keine funktionierenden Kon­trollen. Und wenn auswärtige Kontrolleure im Land waren, sind gleich mehrere Spitzenleute aufgeflogen. Auch für Bolt gilt die Unschuldsvermutung. Für das IOC und die IAAF wäre es aber selbstmörderisch, Bolt eines Dopingvergehens zu überführen. Das wäre das Ende des olympischen Sports. Er hat praktisch den Schutz von zwei Institutionen, IOC und IAAF.

Gibt es denn überhaupt Sportler, die Sie selbst faszinieren?

Gebauer: Na klar. Die deutschen Werfer. Robert Harting halte ich für eine große Persönlichkeit. Gerade deshalb eckt er auch schon mal an.

ZUR PERSON
Professor für Philosophie an der FU Berlin

Gunter Gebauer ist Professor für Philosophie an der FU Berlin. Der 71-Jährige studierte Philosophie, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Linguistik und Sportwissenschaft an den Universitäten Kiel, Mainz und Berlin. Seit Jahren macht er den Sport zum Gegenstand philosophischer Betrachtungen. Ein populärer Titel aus seiner Feder lautet: „Poetik des Fußballs“.

Aber der Wurfbereich eignet sich sehr gut zum Dopen. Warum glauben Sie ausgerechnet den deutschen Werfern?

Gebauer: Gute Frage. Mir geht es so, dass ich sie wegen ihres energischen Eintretens gegen Doping, verbunden mit einer gestandenen Persönlichkeit und einer nachvollziehbaren Leistungsentwicklung, für sauber halte.

Wir haben jetzt viele negative Dinge des Sports angesprochen. Worauf freuen Sie sich denn als Sportfan im Jahr 2016?

Gebauer: Das ist doch klar. Auf die Fußball-EM. Ich hoffe, dass die Nationalmannschaft wieder so zusammenwächst wie bei der WM in Brasilien und erneut großartige Spiele zeigt. Auch die Olympischen Spiele in Rio erwarte ich als großes Ereignis mit Spannung.

Thomas Lelgemann

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2015-12-30 19:47
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