Johan Driessen sammelt Titel im Kanupolo - nur einer fehlt

Johan Driessen (mitte) in Actin mit seinem Kanupolo-Team Rothe Mühle Essen.
Johan Driessen (mitte) in Actin mit seinem Kanupolo-Team Rothe Mühle Essen.
Foto: Sebastian Konopka
Der Essener ist World-Games-Sieger mit der Nationalmannschaft, Europa- und Vizeweltmeister. Jetzt darf es noch der WM-Titel sein. In unserer Serie stellen wir schräge Revier-Champions vor.

Essen.. Wo die wilden Kerle wohnen, da ist es sehr idyllisch. Eine abgelegene Straße, ein kleines Haus, die Ruhr direkt hinter dem Garten. Ein Hund tollt über die Wiese, aus einem Geräteschuppen tragen ein paar Jungs Boote zum Wasser. Und plötzlich steht er da: Johan Driessen, ein Berg in Badelatschen. Fast zwei Meter groß, Schultern wie Gebirgsketten, Arme wie Baumstämme. Auf der Schwimmweste, die um seinen Körper spannt, steht die Nummer eins. Das passt: Der Essener ist einer der besten Kanupolo-Spieler der Welt.

Seit 17 Jahren ist das Vereinsheim des deutschen Meisters, des Kanupolosportvereins Rothe Mühle Essen, die Heimat des 28-Jährigen. „Mit zwölf Jahren hat mich ein Klassenkamerad mitgenommen“, sagt er, „das hat mir sofort gefallen und ich bin in eine sehr gute Jugendmannschaft hineingewachsen.“ Wassersport hat ihn immer begeistert, „aber nur Kanu wäre mir zu langweilig gewesen“. Als Ex-Handballer mit guter Spielübersicht war Kanupolo genau richtig.

Zweimal zehn Minuten im Einerkajak

Seinen bisher größten Triumph feierte der dreimalige und amtierende Vizeweltmeister bei den World Games 2013. Mit dem Nationalteam besiegte er im Finale im kolumbianischen Cali die dreimaligen Weltmeister aus Frankreich. „Wir haben vor 8000 Zuschauern gespielt, das war der Wahnsinn, da zu gewinnen“, sagt er.

Zweimal zehn Minuten spielen die Teams mit je fünf Spielern. In Einerkajaks und mit Paddeln rangieren sie auf dem Wasser, versuchen einen Ball ins gegnerische Tor zu werfen. Da geht es ordentlich zur Sache. „Es ist schon ein harter Sport“, sagt Driessen, „aber nicht übermäßig gefährlich. Auch wenn ein Paddel im Gesicht so aussieht.“ Eine Szene aus dem World-Games-Finale zeigt die Geschichte: Beim Anstoß fahren ein Franzose und ein Deutscher auf den Ball zu. Der Deutsche verpasst den Ball, den Franzosen überfährt das gegnerische Kanu. Verletzung? Auswechselung? Nichts. Einmal schütteln, weiter geht’s.

Kanupolo an Orten, wo keiner vorbeikommt

Trotz spektakulärer Action lebt Kanupolo – „Handball auf dem Wasser“, wie es Driessen nennt – abseits der Öffentlichkeit. Doch in Kolumbien waren die Jungs plötzlich Stars. „Wenn wir durch die Stadt gingen, haben wir für eine Strecke von fünf Minuten eine halbe Stunde gebraucht“, erinnert er sich. Und dann waren da diese Frauen: „Sie haben uns ihre Kinder für ein Foto in die Arme gedrückt“, sagt Driessen und muss lachen.

In Deutschland, in Essen erlebt er das nicht. Dabei wurde die Nationalmannschaft 2013 sogar mit dem Silbernen Lorbeerblatt ausgezeichnet. „Es ist natürlich schade, aber Kanupolo findet an Orten statt, an denen normalerweise nicht allzu viele Menschen vorbeikommen“, sagt Driessen. Was er meint, sind Flüsse, Seen, Schwimmbäder. Auch auf Essens Baldeneysee geht es regelmäßig zur Sache. „Die Leute bleiben dann doch meistens länger stehen und gucken“, sagt er.

Driessen: "Ich will endlich Weltmeister werden"

Für Driessen ist Kanupolo mehr als Sport. Es ist eine Lebenseinstellung. Der Maschinenbau-Doktorand trainiert allein außerhalb der Saison 16 bis 18 Stunden pro Woche: Laufen, Schwimmen, Kraft- und Wassertraining. Seine Freizeit geht für den Sport drauf, Prämien gibt es keine, höchstens Unterstützung vom Verband. Doch Driessen mag seine Nische. „Als Kind war es wie bei den Pfadfindern, nur mit Sport“, erinnert er sich. Später wohnte er mit Sportkollegen sogar mehrere Jahre in einer WG. Bei dem Gedanken, wie wilde Kerle wohnen, muss Driessen grinsen: „Eine coole Zeit war das.“

Doch bei allem Spaß, eine Sache macht den Essener fuchsig: „Wir sind jetzt dreimal knapp Vizeweltmeister geworden. Das nervt. Ich will endlich Weltmeister werden.“ Wenn wilde Kerle träumen...