Heinle fährt als Favorit zu den U-23-Europameisterschaften

Vor vier Jahren überlegte Fabian Heinle, ob er nicht seine Karriere an den Nagel hängen sollte. Heute will er U23-Europameister werden.
Vor vier Jahren überlegte Fabian Heinle, ob er nicht seine Karriere an den Nagel hängen sollte. Heute will er U23-Europameister werden.
Foto: imago
Was wir bereits wissen
Fabian Heinle ist mit 21 schon die Nummer eins der deutschen Weitspringer. Ab Donnerstag kämpft er in Tallinn um den Titel des U23-Europameisters.

Bottrop.. Wer Fabian Heinle im Trainingsanzug sieht, der kommt nicht auf die Idee, dass er einen Weitspringer aus den Top 12 der Welt vor sich sieht. Aber wenn der lange Schlaks mit dem jungenhaften Gesicht dann den Absprungbalken trifft und zu seinem Flug in die Sandgrube abhebt, vermutet man Federn in seinen Sprunggelenken. Der gerade erst 21 Jahre alt gewordene Heinle ist kein vor Muskeln strotzendes Kraftpaket, sondern ein filigraner Athlet, der durch seine Eleganz besticht. Im Januar 2014 drohte ihm nach einem Kreuzbandriss noch das Karriereende. Jetzt ist er mit 8,25 Metern Deutschlands Weitspringer Nummer eins, hat sich schon für die WM im August in Peking qualifiziert und fährt als Favorit zu den U-23-Europameisterschaften, die am Donnerstag in Tallinn/Estland beginnen.

Leichtathletik „Wenn ich bei der EM starte, blende ich völlig aus, dass ich an erster Stelle der Jahresbestenliste stehe. Ich mache mein Ding, schaue nicht auf die Konkurrenz“, sagt Heinle, der für den LAV Tübingen startet. Spürt er denn gar nicht den steigenden Erwartungsdruck, den er mit seinem Satz weit über die Acht-Meter-Marke selbst erzeugt hat? „Doch“, antwortet er. „Ich bin nicht mehr mit einem 7,67-Meter-Sprung wie hier in Bottrop zufrieden.“ Aber dann lächelt er wieder und ordnet die etwas misslungene Generalprobe im Ruhrgebiet für die EM ein: „Wind und Regen haben es uns Springern schwer gemacht.“

Heinle wollte schon das Handtuch werfen

Mit 21 Jahren steht Heinle noch am Anfang seiner Laufbahn und doch hat er schon einige Höhen und Tiefen erlebt. Bereits mit 17 wollte der Schwabe das Kapitel Leistungssport beenden. „Es ging nicht mehr richtig voran“, erzählt er. Hans-Joachim Budach, Trainer der LG Leinfelden-Echterdingen, wollte nicht, dass dieses Talent der deutschen Leichtathletik verloren geht. Um seine Idee zu verwirklichen, musste er gleich zwei Leute überzeugen. Erstens Heinle selbst, zweitens Stützpunkttrainer Tamas Kiss.

Eigentlich hatte Kiss keinen Platz mehr in seiner Gruppe, aber dann durfte Heinle sozusagen zum Casting kommen. Zwei Versuche beim Vorspringen reichten, um Kiss umzustimmen. Der heutige Dreisprung-Bundestrainer sagt, er hätte kein Fachmann sein müssen, um auf Anhieb Heinles große Begabung erkannt zu haben.

8,25 Meter beim Wunsch-Comeback

Unter der Anleitung des Experten Kiss startete das Bewegungstalent Heinle schnell durch und steigerte sich von 6,71 auf 7,91 Meter. Für einen gerade 19-Jährigen eine stolze Weite, die ihn in der europäischen U-20-Jahresbestenliste auf Rang eins katapultierte. So steil der Aufstieg, so tief der Frust, als sich Heinle im Januar 2014 das Kreuzband riss. „Damals hatte ich zum zweiten Mal keine Lust mehr auf Sport“, erzählt Heinle. „Aber der Orthopäde Pierre Hofer hat mich wieder aufgerichtet.“

Leichtathletik Direkt nach der Operation sagte der Arzt aus St. Gallen zu Heinle, dass er noch stärker als zuvor als Weitspringer zurückkehren werde und dann das erste Mal die magische Acht-Meter-Marke knacken werde. „Ich dachte, das ist doch völlig abwegig, weil ich nach der OP kaum noch Muskeln hatte“, sagt Heinle. Aber Hofer, der als Trainer die Ruderer Markus und Michael Gier 1996 zum Olympiasieg führte, verstand seinen Job als Orthopäde und Mentaltrainer. Heinle feierte ein Wunsch-Comeback, sprang erst 8,12 Meter, dann sogar 8,25 Meter weit.

„Die acht Meter sind der Traum eines jeden Weitspringers“, erzählt Heinle. „Aber seitdem ich das Gefühl selbst erfahren habe, weiß ich, es sind zwei Welten. Es ist unbeschreiblich, du fühlst dich ganz leicht.“ Ab Donnerstag will er wieder auf der Wolke schweben und seinen Aufstieg möglichst mit dem EM-Gold krönen.