Gerd Kolbe kennt Macken und Leidenschaften der Schach-Weltmeister

Vor zwei Jahren in Dortmund: Wladimir Kramnik (links) und Wang Hao.
Vor zwei Jahren in Dortmund: Wladimir Kramnik (links) und Wang Hao.
Foto: WAZ FotoPool/ Ralf Rottmann
Was wir bereits wissen
Gerd Kolbe organisiert seit 25 Jahren das Dortmunder Schachturnier und hat dabei die Macken und Leidenschaften der Weltmeister kennengelernt.

Dortmund.. Acht der besten Schachspieler der Welt kämpfen ab Samstag bis zum 5. Juli beim 43. Dortmunder Sparkassen Chess-Meeting um den Sieg. Zum 25. Mal ist Gerd Kolbe für das Schach-Festival im Orchesterzentrum NRW verantwortlich. In dieser Zeit hat er jede Menge Anekdoten erlebt.

Der Irrläufer von Dortmund

Heutzutage sind die Schachstars wie Weltmeister Magnus Carlsen oder seine Vorgänger Viswanathan Anand und Wladimir Kramnik hochprofessionelle Sportler, die auf ihre Ernährung achten und nicht nur ihren Geist trainieren. Mit einem Schmunzeln denkt Kolbe an frühere Zeiten zurück, als viele Asse noch ihre liebevollen, aber manchmal auch gefährlichen Macken hatten. So wie der zerstreute Großmeister, dessen Namen Kolbe für sich behalten will.

Chess Meeting Einmal erhob er sich vom Brett, ging tief versunken in seinen Gedanken in Richtung Zuschauer. Blöd nur, dass die Bühne in 1,50 Meter Höhe stand. Ein Schiedsrichter rettete ihn in letzter Sekunde vor dem freien Fall. Wenn dieser vergeistigte Exot vom Hotel zu Fuß zum Spielort ging, entschwebte er bei der Vorbereitung seiner Züge in eine andere Welt, übersah rote Ampeln oder Verkehrshindernisse. Kolbe wusste Rat: Ein Helfer geleitete den Irrläufer von Dortmund immer sicher zum Brett.

Charismatischer Fußballer

Einen besonderen Eindruck hinterließ in Dortmund Garri Kasparow. Der Weltmeister von 1985 bis 2000, dessen Karriere 1980 mit dem Titelgewinn bei der Junioren-WM in Dortmund begann, begnügte sich 1992 nicht mit seinem Einsatz am Schachbrett. Zur Auflockerung organisierte er ein Fußball-Spiel der Geistessportler.

BVB-Archivar und Ex-Stadtsprecher „Besorgt mir Schuhe. Wir spielen Südamerika gegen den Rest der Welt“, ließ Kasparow die Dortmunder wissen. „Kasparow hatte Charisma“, sagt Kolbe, „wenn er den Raum betrat, hast du es selbst dann bemerkt, wenn du mit dem Rücken zur Tür gestanden hat. Und im Fußball war er genauso siegeshungrig wie im Schach.“

Turbo-Gedächtnis

Stammgast in Dortmund ist Peer Steinbrück. Als er noch Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war, ließ er sich noch in der Nacht die Züge der Asse faxen, um die Partien sofort auf dem Brett nachzuspielen. Als die Amtsgeschäfte einen Besuch in Dortmund zuließen, verblüffte er Kommentator Helmut Pfleger, einen früheren Weltklassespieler. Bei einer Partie zwischen Anand und Kramnik stieß er Pfleger an und sagte: „Das ist die identische Position, wie sie Bobby Fischer und Boris Spasski 1972 in ihrer dritten WM-Partie gespielt haben. Pfleger verschlug es die Sprache. „In der Nacht hat er mich angerufen“, erzählt Kolbe. „Weißt du was, hat er zu mir gesagt, ich habe nachgesehen, der Steinbrück hatte tatsächlich Recht.“

Mythos Rote Erde

Wenn Helmut Pfleger nach Dortmund kam, zog es ihn schon mal in die Kampfbahn Rote Erde. Dann setzte sich der Großmeister gerne auf die Tribüne, schloss die Augen und versank in seinen Gedanken. In seinem Kopf lief dann ein besonderes Duell ab, das einst in der Roten Erde über die Bühne gegangen war.

Chess Meeting Keines der vielen großen Fußball-Spiele von Borussia Dortmund, sondern eines der größten Schach-Spektakel, das je in Deutschland stattgefunden hat und heute fast vergessen ist. 1926 wurde die Kampfbahn Rote Erde nämlich vor 30 000 Zuschauern mit einer lebenden Schachpartie eröffnet. Ausrichter war der Arbeitersport. Kein Zufall, dass am Ende der Partie der Bauer den König schlug.

Gast mit großer Faust

Prominente Schach-Kiebitze hat es immer in Dortmund gegeben und einmal kam es sogar zum Treffen von zwei Weltmeistern völlig unterschiedlicher Sportarten. Box-Champion Vitali Klitschko besuchte erst seinen Freund, Schach-Weltmeister Wladimir Kramnik, und spielte dann gegen ihn eine Simultan-Partie. „Als ich ihm meine Hand gegeben habe, ist sie in seiner verschwunden“; erinnert sich Kolbe. „Aber Vitali hat es nicht nur in den Armen. Er ist auch ein guter Schachspieler.“