DDR-Ruderin sieht sich als Doping-Versuchskaninchen

Doping mit Testosteron war bei Sportlern in der DDR nichts Außergewöhnliches. Freiwillig nahmen sie die Mittel jedoch nicht immer.
Doping mit Testosteron war bei Sportlern in der DDR nichts Außergewöhnliches. Freiwillig nahmen sie die Mittel jedoch nicht immer.
Foto: Imago
Die heute 51-jährige Ruderin Cornelia Reichhelm wurde als 13-Jährige in der DDR mit Dopingmitteln vollgepumpt. 25 Jahre nach dem Mauerfall leidet sie unter den Folgen und kämpft um eine Opfer-Rente. „Ich war ein Versuchskaninchen.“

Essen.. Nur eine Sekunde, in der nichts weh tut. Nur eine Sekunde, in der nicht der Nacken piekst, der Rücken spannt. Es ist ein Wunsch, der für Cornelia Reichhelm wohl nicht mehr in Erfüllung gehen wird. „Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen.“ So fasst die heute 51-Jährige ihre Situation zusammen. Drei Worte, hinter denen eine lange Leidensgeschichte steckt.

Cornelia Reichhelm ist eines der vielen Dopingopfer der früheren DDR. Mit 13 Jahren wurde sie erstmals als Ruderin des SC Dynamo Berlin zum Wohl des Sozialismus mit Testosteron vollgepumpt. Erst ohne es zu wissen, später sogar gegen ihren Willen. Die unzähligen Medikamente, die ihr verantwortungslose Trainer und Mediziner verabreichten, haben ihren Körper kaputt gemacht: Eine Herzmuskelentzündung, ständig Blasen-, Nierenbecken-, Venen- und Magenschleimhautinfektionen. Ihre Wirbelsäule ist so massiv geschädigt, dass sie eine Halskrause und ein Stützkorsett tragen muss. Seit 2007 kämpft sie vor deutschen Gerichten um eine Rente. Bisher ohne Erfolg.

Auch für Cornelia Reichhelm ist das 25-jährige Jubiläum des Mauerfalls ein ganz spezieller Tag. „Ich kann mich noch gut an den 9. November 1989 erinnern. Es war ein tolles Erlebnis. Ich bin direkt über die Grenze gegangen“, sagt sie. „Es ist ein wichtiges Datum, das mit großen Hoffnungen verbunden war. Leider sind die 25 Jahre für mich nicht so gut verlaufen. Einiges ist in die falsche Richtung gelaufen, auch die Aufarbeitung der Dopingproblematik in der früheren DDR.“

Bis zu 24 Mal pro Monat Testosteron

Als talentierte Ruderin kam sie mit 13 Jahren zur Sportschule nach Ostberlin. Vom ersten Tag an bekam sie übel schmeckende Flüssigkeiten und Pillen. Ihr Trainer sagte, es seien Eiweißpräparate und Vitamine. Schließlich sei sie als Ruderin tagtäglich lange auf dem Wasser und müsse ihre Abwehrkräfte stärken. Erst 2003 erfuhr sie aus einer Akte, was sie tatsächlich als Kind geschluckt hatte: Mit 13 hatte sie siebenmal im Monat, mit 14 sogar 24 Mal im Monat das männliche Hormon Testosteron erhalten. Pralinen und Schokolade wurden mit Dopingmitteln versetzt, damit sie keinen Verdacht schöpfte.

Aber obwohl sie drei Stunden pro Tag im Training bis an ihre Leistungsgrenze ging, so dass sie manchmal auf allen Vieren zu ihrem Zimmer kriechen musste, obwohl sie bei Wettkämpfen hervorragende Resultate erruderte, wurde sie nicht zu großen Wettkämpfen nominiert. „Ich war ein Versuchskaninchen“, sagt sie. An ihr wurde nur die Wirkung der Dopingmittel ausprobiert. Zu Titelkämpfen konnte sie nicht geschickt werden, weil sie sonst sofort erwischt worden wäre. Das wussten alle, nur sie nicht. „Erstmals habe ich Verdacht geschöpft, als ich nicht zu den Junioren-Weltmeisterschaften fahren durfte, obwohl ich mich qualifiziert hatte. Da habe ich geahnt, irgendwas läuft hier falsch. An Doping habe ich allerdings noch nicht gedacht.“

Der mühsame Kampf um eine Opfer-Rente

Als sie 18 war, sollte sie auch offiziell Anabolika nehmen. Cornelia Reichhelm lehnte ab. Das blieb nicht folgenlos. „Als ich mich geweigert habe, Dopingmittel zu nehmen, bin ich massiv unter Druck gesetzt worden“, sagt sie. „Man hat mir gedroht, dass ich keine Arbeit und keine Wohnung bekomme.“

Als sie mit 19 ihre Ausbildung zur Wirtschaftskauffrau beendete, zog sie einen Schlussstrich. Sie wollte nicht mehr, auch wenn sie gar nicht ahnte, welch irreparable Schäden sie schon davongetragen hatte. Seit Jahren versucht sie wie viele andere DDR-Dopingopfer eine Opfer-Rente einzuklagen. „Ich habe mein Haus verkauft und die Lebensversicherung gekündigt“, sagt Cornelia Reichhelm. Sie stockt bei diesen Worten. Aber dann wird ihre Stimme wieder fest: „Ich bin eine Kämpferin. Ich habe noch Hoffnung und Willen.“