Das schlechte Gewissen des TTC Hagen heißt Chiang

Die pure Ratlosigkeit: Der Hagener Tischtennis-Profi Chiang Hung-Chieh aus Taiwan hat in der Bundesliga noch kein Spiel gewonnen.
Die pure Ratlosigkeit: Der Hagener Tischtennis-Profi Chiang Hung-Chieh aus Taiwan hat in der Bundesliga noch kein Spiel gewonnen.
Foto: Michael Kleinrensing
Was wir bereits wissen
Der Tischtennis-Bundesligist TTC Hagen verpflichtete den Taiwanesen Chiang Hung-Chieh als Spitzenkraft. Doch der hat noch kein Spiel gewonnen.

Düsseldorf/Hagen.. Chiang Hung-Chieh ist ein stiller Mann. Wenn er spricht, spricht er leise. Nur wenige Worte kommen über seine Lippen. Sein Blick ist schüchtern, fast entschuldigend. Der Taiwanese ist das wandelnde schlechte Gewissen.

Seitdem der Tischtennis-Profi im Juli als Nummer 49 der Welt beim Bundesligisten TTC Hagen unterschrieb, kennt man ihn dort als Pro­blemfall. Erst ließ ihn sein Verband nicht rechtzeitig zum Saisonbeginn nach Deutschland reisen, dann gab es Probleme mit seinem Visum. Erst im Oktober konnte Manager Horst Bartelmeß ihn am Flughafen in Frankfurt in Empfang nehmen. Zur Begrüßung gab es Schokolade. Chiangs süße Leidenschaft. Bei dem Gedanken daran muss der 25-Jährige grinsen. „Die war so lecker, ich habe mir die Gleiche direkt wieder gekauft“, sagt er.

Von Anfang an ließ sein Team keinen Zweifel daran, ihm den Job fern von Heimat und Familie so angenehm wie möglich zu machen. Doch sportlich will es einfach nicht laufen. Seit seinem ersten Spiel im November hat Chiang keinen Punkt geholt. „Obwohl,“, korrigiert Bartelmeß, „ein Spiel hat er kampflos gewonnen.“ Galgenhumor – eine bessere Erklärung hat er nicht.

Hagener Teamkollege Walther hilft Chiang

An den Bedingungen kann der Erfolgsknick nicht liegen. Chiang lebt in Düsseldorf und trainiert dort im Leistungszentrum. Mit Zhu Xiaoyong hat er zudem einen Coach, der wie er Chinesisch spricht und seine Art zu arbeiten kennt. „Es ist gut, jemanden zu haben, der meine Sprache spricht“, sagt er, „natürlich vermisse ich Taiwan. Aber ich habe mich an alles gewöhnt: die Sprache, die Leute, das Wetter, das Essen.“

Tischtennis Er kommuniziert in sparsamem Englisch, aber sein Hagener Teamkollege Ricardo Walther versteht ihn. Auch er lebt in Düsseldorf, kümmert sich um den Neuzugang. „Chiang isst gerne italienische Nudeln. Er sagt mir Bescheid, und ich bestelle sie für ihn“, sagt er. Über Tischtennis reden sie natürlich auch. „Für ihn ist es extrem schwer“, weiß Walther, „wenn du so eine Negativserie hast, musst du da schnell wieder raus.“

„Tischtennis wird im Kopf entschieden“, sagt auch Bartelmeß. Aufmunternd klopft er Chiang auf die Schulter, der lächelt. Er wirkt ratlos. Weil es in der Bundesliga nicht läuft, ist er in der Weltrangliste auf Rang 68 abgerutscht. Dabei schaffte er es beim World Team Cup im Januar mit Taiwan bis ins Halbfinale.

System Bundesliga ist dem Taiwanesen Chiang fremd

„Er macht sich sehr viel Druck und verkrampft im Spiel“, sagt Bar­telmeß, „das ist auch für uns nicht leicht. Wir wissen, was er kann, aber er gewinnt einfach nicht.“ Für Hagen ist das ein Problem: Die Luft im Tabellenkeller ist dünn geworden. Obwohl der TTC Frickenhausen, Gegner am Sonntag (15 Uhr), bereits freiwillig seinen Abstieg beschlossen hat, wird es für den Vorletzten Hagen noch ganz eng. Chiangs Punkte werden also dringend gebraucht. „Die Bundesliga ist sehr stark“, sagt er, „hier spiele ich jede Woche gegen Weltklasseleute. In Taiwan haben wir so ein System nicht. Das macht es mir vielleicht so schwer.“

Dennoch muss Chiang sich auf dem Level beweisen: Nur so kommt er seinem großen Ziel – Olympia 2016 in Rio – näher. Aber zunächst wartet Alltag. Und Schnee. Den hat er auf einem Rastplatz in Deutschland zum ersten Mal gesehen – und direkt fotografiert. „In Taiwan liegt der nur auf Bergen“, sagt er. Und den Gipfel, den hat der Hagener noch vor sich.