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Boxer Cruz outet sich als "stolzer, schwuler Mann"

09.10.2012 | 20:47 Uhr
Boxer Cruz outet sich als "stolzer, schwuler Mann"
Orlando CruzFoto: AP Photo/Dennis M. Rivera Pichardo

San Juan.  Zwei Wochen vor seinem 22. Profikampf, bei dem es um den Latino-Titel der World Boxing Organisation (WBO) geht, hat sich Orlando Cruz zu seiner Homosexualität bekannt und bekam so viel Aufmerksamkeit bekam der puertoricanische Profi-Boxer noch nie. Cruz ist ein Boxer der zweiten Reihe. Am 19. Oktober kämpft er um einen Titel.

So berühmt wie letzte Woche, als er nur mit dem Mund gefochten hat, ist Orlando Cruz noch nie gewesen. In 21 Duellen im Profibox-Ring seit Ende 2000 hat der 31-jährige Federgewichtler aus Puerto Rico nicht ansatzweise die globale Aufmerksamkeit erhalten, die ihm jetzt zuteil geworden ist. Warum denn auch: Bisher war er ein passabler, aber nicht herausragender Faustkämpfer, der nach 18 Siegen und zwei Niederlagen an Position 36 der unabhängigen Weltrangliste geführt wird. Ein Mann der zweiten Reihe, wie man so sagt.

Zwei Wochen vor seinem 22. Vergleich, bei dem es um den Latino-Titel der World Boxing Organisation (WBO) geht, hat der Rechtsausleger sich in seiner Wahlheimat Florida nun zu seiner Homosexualität bekannt. Er sei stets „ein stolzer Puertoricaner“ gewesen, beschied Cruz Reportern des übertragenden US-Sportsenders ESPN, und werde ebenso „immer ein stolzer Homosexueller sein“. Das war offenbar schon genug, um seine Story um die halbe Welt zu schießen. Kaum eine Agentur und kein Sport-Portal ließen sich das öffentliche Bekenntnis entgehen – womit der Spitzname des Urhebers, „El Fenómeno“, eine neue Dimension erhält.

Unreflektierte Vorstellungen

Viele Redaktionen hatten die Nachricht mit dem Zusatz versehen, dass Cruz’ Outing das Erste seiner Art in der Boxwelt sei. Und nicht zu Unrecht auf die besondere Brisanz verwiesen, die so eine Selbstaussage in diesen Kreisen hat. Denn ähnlich wie die Karibik-Insel als Teil der Latino-Welt, wird auch die Mikroszene des Boxens seit jeher von der Alltags-Kultur des Machismo dominiert. Wo tapfere Männer halbnackt fäusteln, wähnen sich seine Kostgänger wie selbstverständlich auf einer Insel der heterogenen Männlichkeit.

Harter Hetero, weicher Homo: Der landläufige Boxfan hat seine schlichte Gender-Philosophie den unreflektierten Vorstellungen entlehnt, die um den Ring sowie an der Theke von Sportbars seit Jahrzehnten eins zu eins tradiert werden. Dort hocken sie nämlich, jene „seltsamen Menschen“, denen der deutsche Poet und bekennende Boxfan Wolf Wondratschek bereits vor dreißig Jahren ein noch gültiges Denkmal setzte: „Männer, die in aller Öffentlichkeit furzen und zu Hause Ölbilder malen.“ Für solche ist ein schwuler Boxer ein Widerspruch in sich – weil so einer sich gar nicht entscheidend durchsetzen könnte, wie sie gern glauben.

Beispiele gibt es genügend

Dabei gibt es auch in der Folge der Titelträger und Olympioniken genügend Beispiele, die solche Klischees in Frage stellt. Beginnend mit Alfonso Teófilo Brown, der von 1929 bis 1938 mehrfach Weltmeister im Bantamgewicht war. Der ungewöhnlich große, farbige Panamaer gelangte über New York nach Paris, wo er in Dave Lumiansky bald nicht nur einen versierten Manager, sondern auch einen festen Partner fand. In der Boheme der Metropole konnte der Ausnahmeboxer (131 Siege in 163 Kämpfen) sein flamboyantes Leben offener als sonstwo in diesen Zeiten führen – inklusive einer späteren Liaison mit dem surrealistischen Schriftsteller Jean Cocteau.

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Ein explizites Bekenntnis aber hatte er zeitlebens nicht riskiert. Das gab, zumindest im Nachhinein, Emile Griffith ab, der zwischen 1961 und 1968 mehrfach WM-Titel im Welter- und Mittelgewicht gewann. Der enorm kampfstarke Profi von den Virgin Islands, hatte zahlreiche Box-Legenden besiegt – und seinen Erzrivalen Benny „Kid“ Paret, der ihn vor ihrem Kampf überaus abschätzig „Maricon“ („Schwuchtel“) gerufen hatte, ohne Absicht in den Ringtod geprügelt.

Griffith wollte sich als Aktiver nicht outen

Das aber hatte die Boxwelt ihm schneller verziehen als seine sexuelle Neigung, wie er sich in seinen Erinnerungen wunderte. „Ich töte einen Mann, und die meisten Leute verstehen das und verzeihen mir“, so Griffith. „Andererseits liebe ich einen Mann, und so viele halten es für eine unverzeihliche Sünde, die mich zu einem schlechten Menschen macht.“ Griffith hatte sich „fast mein ganzes Leben lang eingesperrt“ gefühlt, da er sich als Aktiver nicht zu outen getraute.

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Diese Kühnheit blieb dem Kanadier Marc Leduc vorbehalten, der sich zwei Jahre nach dem Gewinn der olympischen Silbermedaille im Halbweltergewicht (1992) öffentlich erklärte – im Film „For the Love of the Game“, der seinen Aufstieg vom jugendlichen Delinquenten zu einem der besten Amateure seines Landes dokumentiert. Zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich bereits ab, dass Leduc es bei den Profis nicht weit bringen würde – nach fünf Vergleichen war für ihn endgültig Schluss.

In diesem Sinne ist die „Causa Cruz“ zumindest eine kleine Premiere, weil hier vielleicht erstmalig ein überaus aktiver Profi-Boxer Farbe bekennt. Beim TV-Sender ESPN darf man zum 19. Oktober gespannt sein: Dann wird sich erweisen, ob nun mehr oder weniger Fans live erleben wollen, wie viel „El Fenómeno“ Cruz als Titelanwärter taugt.

Bertram Job


Kommentare
10.10.2012
15:50
Boxer Cruz outet sich als
von WaddeHaddeDuddeDa | #8

Der ist süss!

1 Antwort
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #8-1

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

10.10.2012
14:30
Boxer Cruz outet sich als
von Schustersrappen | #7

@5
Wieso sollte man traurig sein, wenn man anders ist als die Masse? Es kann auch schön sein. Es gibt sogar Leute die Hetero sind und trotzdem nicht so sein wollen wie die Masse. Ich glaube auch nicht, dass man die Schwulen daran erinner muss, dass sie anders sind. Den meisten gefällt das ganz gut. Auch wenn die verbohrten Heteros sich das nicht vorstellen können.

Einige andere können hier können nicht verstehen, wie man auf sein Schwulsein stolz sein kann. Wenn man Ewigkeiten "Versteck spielen" musste und kann dann endlich mit erhobenen Haupt sagen, dass man Schwul ist, dann ist diese Befreiung auch mit einem gewissen Stolz gepaart.

Dieser Boxer will einfach nicht wie ein geprügelter Hund und gesenktem Kopf durch die Gegend laufen. Dann kann man auch von Stolz sprechen. Er ist stolz, dass er sich geoutet hat. Wenn #2 das nicht versteht, dann liegt das daran, dass sie als Heterofrau sich niemals verstecken musste und somit auch nicht auf ihr Heterodasein stolz sein muss.

10.10.2012
13:42
Boxer Cruz outet sich als
von eisenkopf | #6

@5

Ihrem ersten Absatz stimme ich zu. Der zweite ist allerdings sehr realitätsfern. Wenn sich beispielsweise jemand hinstellt und sagt: "Ich bin ein stolzer schwuler Türke!", hätte er in seiner "Community" erhebliche Probleme.

Die "Vertreter eines längst untergegangenen Weltbildes" werden immer mehr und bekommen mehr Einfluss.
DAS ist die Realität.

1 Antwort
Boxer Cruz outet sich als
von Schustersrappen | #6-1

Volle Zustimmung. Besonders bei den jungen Leuten ist die Toleranz auf dem Rückmarsch. Leider!

10.10.2012
13:27
Boxer Cruz outet sich als
von Schroedinator | #5

Das Einzige, was an diesem Artikel so richtig tragisch ist, ist das es ihn gibt. Was geht es die Welt an wer mit wem ins Bett geht? In unseren Zeiten sollte es doch völlig egal geworden sein ob hetero- homo-, transsexuell oder was auch immer.

Die Letzten die daran Anstoß nehmen, sind Menschen einer vergangenen Generation. Die Vertreter eines längst untergegangenen Weltbildes.

Es ist traurig immer wieder aufs neue solche Meldungen lesen zu müssen und dadurch immer daran erinnert zu werden "anders" zu sein als die breite Masse.

Ach dabei fällt mir ein schöner Spruch ein:
"Ich hab mir nie ausgesucht Schwul zu sein. Ich hatte einfach nur Glück!"

10.10.2012
13:23
Boxer Cruz outet sich als
von KamSahSiegteTraurig | #4

#3

Mal unter uns beiden:

Wenn ich "Ich bin stolz auf mich" sagen würde, würde die Gegenfrage kommen "Wie kommt`s?".
Wenn ich jedoch "Ich bin ein stolzer Schwuler" sagen würde, würde man sich seinen Teil denken.

10.10.2012
12:50
Boxer Cruz outet sich als ...
von nobbi1204 | #3

#2

Erst richtig lesen und dann kommentieren ...

... stolzer, schwuler ...

Er ist also ein stolzer und schwuler Mann! Und nicht stolz darauf, schwul zu sein!!!

10.10.2012
12:27
Boxer Cruz outet sich als
von AnnetteP | #2

Ich habe schon öfters gelesen das es Leute gibt die stolz sind homosexuell zu sein.

Finde ich irgendwie merkwürdig. Genauso könnte ich schreiben ich bin stolz eine Frau zu sein, oder stolz heterosexuell zu sein. Oder ich bin stolz darauf das ich zwei Beine und zwei Arme habe.

1 Antwort
Boxer Cruz outet sich als
von Schustersrappen | #2-1

Wenn Sie hören würden, er leidet unter seinem Schwulsein und schämt sich dafür, dann fänden Sie das wohl nicht merkwürdig. Sie haben die Wirklichkeit noch nicht erkannt. Wenn man sich über viele Jahre verstecken musste und dann irgendwann ohne großes Risiko dazu stehen kann, dann ist das auch schnell ein Gefühl, das in Richtung stolz geht. Man kann endlich so leben, wie man will. Dann kann man auch darauf stolz sein. Das wird man aber wohl nur ganz verstehen, wenn man auch dieser Minderheit angehört.

Ich kenne mehrer Leute, die sagen, ich bin froh, Schwul zu sein. Und das kann ich nachvollziehen. Diese Leute sind leben nicht selten ein anderes und oft auch ein besseres Leben, als viele der ach so Normalen.

10.10.2012
11:58
User outet sich als
von KamSahSiegteTraurig | #1

stolzer Hetero únd das kann mir doch den Buckel runterschubbeln :-)

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