Boris Reichel ist der Harmonie-Architekt des 1. BV Mülheim

Der Trainer des Badminton-Bundesligisten 1. BV Mülheim, Boris Reichel, will mit seinem Team ins Finale.
Der Trainer des Badminton-Bundesligisten 1. BV Mülheim, Boris Reichel, will mit seinem Team ins Finale.
Foto: Volker Hartmann
Was wir bereits wissen
Boris Reichel will mit dem 1. BV Mülheim das Finale um die Deutsche Badminton-Meisterschaft erreichen. Der Trainer setzt auf diesem Weg auf Teamgeist.

Mülheim.. In seiner Jugend war Boris Reichel Libero. Auf niedersächsischen Fußballplätzen räumte er jeden ab, der die Frechheit besaß, mit dem Ball an ihm vorbei zu wollen. Bis seine Eltern beschlossen: Wir müssen den Jungen von seinen Gegnern trennen. Also nahmen sie ihn mit zum Badminton. In sicherer Entfernung konnte Reichel sich austoben – mit dem Schläger, nicht mit den Knochen. „Weniger aggressiv wurde meine Spielweise nicht“, erinnert sich Reichel und lacht, „oft saß mein Trainer bei meinen Eltern auf der Couch, um ihnen zu erklären, warum ich wieder den Schläger kaputt gemacht hatte.“ Erst mit der Zeit lernte Reichel, seine Energie zu kanalisieren, sie in Erfolg umzuwandeln. Bald spielte er in der Bundesliga und in der Nationalmannschaft.

Heute hat Reichel seine eigenen Schützlinge. Nur sitzt er nicht bei deren Eltern auf der Couch. Der 39-Jährige hat es mit Profis zu tun. Seit 2003 trainiert er die erste Mannschaft des 1. BV Mülheim. Ein Verein mit großer Tradition: Einer der ältesten Badminton-Klubs Deutschlands, Rekordmannschaftsmeister mit 13 Siegen zwischen 1968 bis 1980. Aber Boris Reichel will davon nichts hören: „Damit messe ich mich nicht. Seitdem hat sich das Spiel und die Athletik um den Faktor 25 verändert.“

Von der fünften in die erste Liga

Der Norddeutsche zehrt nicht von Historie, er macht sein Ding. So führte er Mülheim von der fünften Liga 2010 in die Bundesliga, wurde 2014 Vizemeister und will durch einen Sieg im Playoff-Halbfinale (Sonntag, 26. April) erneut ins Finale einziehen. Bevor dort der 1. BC Saarbrücken-Bischmisheim wartet, heißt der Gegner: 1. BC Beuel. Bei den Bonnern, die schon im vergangenen Jahr den Mülheimern unterlagen, spielt auch Reichels Schwägerin, die Nationalspielerin Birgit Michels. „Sie erzählt gerade allen, dass wir die Favoriten sind“, sagt Reichel, „das wollen wir aber gar nicht sein. Es ist immer schwer, damit umzugehen.“

Badminton Bei Beuel fehlen vor dem wichtigen Spiel gleich vier Stammkräfte. Mülheim kann aus dem Vollen schöpfen und genießt einen einmaligen Vorteil: „Wir sind – und das höre ich oft – die einzige richtige Mannschaft in einer Individualsportart“, sagt Reichel, „auf dem Papier sind wir nicht die Besten, es ragt auch kein Spieler heraus, aber alle sind Allrounder und immer ist ein anderer in der Lage, den wichtigen Punkt zu machen.“

Der Charakter bestimmt über das Team

Für Reichel hat das einen einfachen Grund: Die Spieler fühlen sich wohl. Klingt kitschig, scheint aber etwas dran zu sein. „Wir sind in der Bundesliga der einzige Verein, der langfristige Verträge gemacht hat“, sagt er. So spielen der Engländer Marcus Ellis, der Ukrainer Dmytro Zavadsky und die Niederländerin Judith Meulendijks seit 2011 für den Verein. Allesamt Nationalspieler, allesamt nicht ohne Alternativen. Doch Reichel konnte sie genauso wie den Niederländer Jorrit de Ruiter, die Engländerin Fontaine Chapman und die beiden Deutschen Johanna Goliszewski und Alexander Roovers überzeugen.

Reichel, der nach 13 Jahren als Damen-Nationalcoach viele Spielertypen kennengelernt hat, suchte sein Team nach Charakter aus. In seiner Zeit als Spieler bei Bayer Uerdingen hat er erlebt, wie es anders geht.

„Da hatte ich einen Kollegen, der kam, spielte, legte sich dann auf eine Matte und las eine Autozeitung. Das wollte ich nicht“, erzählt der Wahl-Oberhausener.

„Das ist eine schöne Bestätigung“

In Mülheim hat er nun ein Team gebaut, das genau das Gegenteil lebt: Jeder feuert jeden an, man trinkt zusammen ein Bier, untergebracht werden die Spieler privat bei Vereinsmitgliedern. Neulich leiteten einige Profis auf eigenen Wunsch sogar ein Trainingscamp für den Nachwuchs. „Judith sagt mir oft, dass sie in ihrer langen Karriere so etwas nie erlebt hat. Das ist eine schöne Bestätigung“, sagt Reichel.

Flüge oder Unterkünfte für Saarbrücken hat Boris Reichel übrigens noch nicht gebucht. Auch wenn es seine Schwägerin gerne anders hätte, zurück gelehnt wird sich erst nach dem Sieg.