Spielanalyse bei Turnvater Jahn
05.07.2009 | 14:28 Uhr 2009-07-05T14:28:00+0200
Oberhausen. Ein Blick hinter die Kulissen der 2. Bundesliga. Ein Jahr lang begleitete das Magazin "11 Freunde" den Zweitligisten Rot-Weiß Oberhausen auf Schritt und Tritt. erlebte Krisensitzungen, Vertragspoker und Kneipentouren. Teil neun: Ein Treffen mit Jürgen Luginger in der Trainerkabine.
Luginger sitzt in seiner Trainerkabine. Es ist eine dieser Kabinen, in denen sich früher Schulklassen umgezogen haben, bevor es zu den Bundesjugendspielen ging, getrennt nach Geschlechtern. Etwa zehn kleine Jungs oder Mädchen mitsamt ihrer Turnbeutel fänden hier Platz. In der Mitte steht ein breiter Schreibtisch, an der Wand hängt ein Spielfeld der Firma "Top Coach": mit elf roten und elf gelben Magneten.
Eine weitere Magnetwand weist aus, welche Spieler derzeit im Training und welche abwesend oder verletzt sind. Der Fernseher hat höchstens ein Fünftel der Maße von Terranovas Heimkino und stammt aus einer Zeit, als Bruns noch unter Franz Beckenbauer in der Nationalelf auflief. Es riecht muffig, wie es in feuchten Umkleidekabinen nun einmal riecht. Jeden Tag ziehen sich hier Trainer, Co-Trainer und Torwarttrainer gemeinsam um und suchen nach dem absolvierten Pensum die Nasszelle auf.
Die sportliche Duftnote, die Luginger nach der heutigen Dusche aufgelegt hat, wirkt wie ein Raumerfrischer. Seine Mannschaft schien schon gerettet – dann folgte eine kraftlose Schwächeperiode, gekrönt von der Heimniederlage gegen Wehen Wiesbaden, den abgeschlagenen Tabellenletzten. Was in diesem Spiel nicht gelang, muss am 33. Spieltag gegen Freiburg funktionieren. Die letzten Punkte müssen her. Im abschließenden Saisonspiel geht es nach Mainz! Luginger ist mit der Spielvorbereitung beschäftigt, diesmal sind es vier Flipcharts, mit Filzstift handschriftlich beschrieben. Inhalt: die gegnerische Mannschaftsaufstellung, die taktische Formation, Dreier- oder Viererkette. Bei hünenhaften Gegenspielern ist mitunter auch die Körpergröße ausgewiesen. Achtung: kopfballstark.
Wer den Trainer einmal beim Einrichten der einzelnen Stationen für ein Zirkeltraining beobachtet hat, der weiß, wie akribisch er sein kann. Im Trainingslager hatte sein Team den VfB Stuttgart eine Halbzeit lang an die Wand gespielt, zur Halbzeit 2:0 geführt. Es funktionierte alles, was er in den Tagen zuvor mit der Mannschaft eingeübt hatte. Erst als am Ende munter ausgewechselt wurde und Bastürk und Simak die Fäden ziehen konnten, verlor man schließlich noch mit 2:3. Nach dem Spiel plauschte er von Jungtrainer zu Jungtrainer mit Markus Babbel, stellte sich dann den Fragen der drei mitgereisten Journalisten. Frage: "Es gibt ja viele Trainer, die im Trainingslager lieber verlieren…" Antwort: "Was sind das für Trainer? Ich will immer gewinnen." Einer seiner größten Erfolge in dieser Saison ist, dass er einen Schlüsselspieler zurück in die Spur gebracht hat. In der Hinrunde hatte er Markus Kaya kurzzeitig auf die Bank verbannt, weil er nicht gut trainierte. Kurz vor Saisonende sagt Kaya, ganz gelehriger Schüler: "Ich habe damals verstanden, dass ich Gas geben muss, dass ich in jedem Training und in jedem Testspiel zeigen muss, was ich kann." Mittlerweile ist er mit sieben Treffern der beste Torschütze der Oberhausener. Er ist der Spieler, der auch im Spiel immer wieder mit den Kollegen spricht, ihnen weiterhilft, ein Erfolg der kontroversen Mannschaftssitzung nach dem fünften Spieltag. Während Terranova schreit, um die Mannschaft zum Erfolg zu bringen, bevorzugt Kaya mittlerweile die ruhige Ansprache.
Adler war ein kluger Schachzug
Ein Erstliga-Trainer ruft in diesen Tagen verwundert bei Luginger an und sagt: "Ich erkenne den Kaya ja gar nicht mehr wieder." Ein weiterer kluger Schachzug von Luginger war es, Oliver Adler, einst Kultspieler in Oberhausen, als Co-Trainer zurückzuholen. Er gilt intern bald als der beste Psychologe.
Fortsetzung am Montag im letzten Teil.

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