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Schwarzer Sonntag für die Leichtathletik

15.07.2013 | 00:19 Uhr

Essen. Wer ist der schnellste Mensch der Welt? Die Antwort auf diese Frage hat die Sport-Fans schon immer fasziniert. Die besten Sprinter der Welt sind die Stars im Leichtathletik-Zirkus und kassieren die höchsten Prämien. Wo viel Geld im Spiel ist, da ist die Versuchung, mit verbotenen Mitteln nachzuhelfen, besonders groß. Die Liste der Doping-Sünder im Sprint ist deshalb lang (siehe Kasten). Fünf Wochen vor dem Saisonhöhepunkt bei der WM in Moskau droht der Leichtathletik nun ein neuer, ein gewaltiger Dopingskandal: Nicht nur US-Topstar Tyson Gay, der in diesem Jahr die weltweit schnellste Zeit über 100 Meter lief, hat am Sonntag eine positive A-Probe gebeichtet und den Verzicht auf die WM (10. bis 18 August) bekannt gegeben. Auch der Jamaikaner Asafa Powell, Staffel-Olympiasieger 2008 und mit 9,72 Sekunden über 100 Meter der viertschnellste Sprinter der Leichtathletik-Geschichte, sowie seine Teamkollegin Sherone Simpson (Staffel-Olympiasiegerin von 2004 sowie Silbermedaillengewinnerin 2008 und 2012) sind des Dopings überführt worden. Das bestätigte ihr Agent Paul Doyle am Sonntag. Nach seinen Angaben soll es sich um die Substanz Oxilofrin handeln. Diese sei bei den jamaikanischen Meisterschaften festgestellt worden. Nach mehreren Medienberichten soll auch Staffel-Olympiasieger Nesta Carter zu den positiv getesteten Spitzenathleten aus Jamaika gehören. Oxilofrin wird eigentlich bei zu niedrigem Blutdruck als Medikament eingesetzt.

Powell besteritt am Sonntag ein Dopingvergehen: „Ich möchte es ganz klar sagen: Ich habe nie willentlich irgendwelche verbotenen Mittel genommen. Ich bin kein Betrüger und war es nie.“

Bei der WM in Moskau aber dürfte Powell ebenso wie Gay fehlen. Das mit Spannung erwartete Mega-Duell zwischen Weltrekordler Usain Bolt (Jamaika) und Gay wird damit wie schon bei der WM 2011 platzen. Damals fehlte Gay verletzt, nun droht ihm eine zweijährige Sperre. In einer Telefonkonferenz erklärte der 30-Jährige, der mit 9,69 Sekunden über 100 Meter hinter Bolt (9,58) der zweitschnellste Sprinter der Geschichte ist und bei der WM 2007 dreimal Gold geholt hatte, dass er am Freitag durch die Anti-Doping-Agentur der USA (USADA) über die positive A-Probe informiert worden sei, die am 16. Mai im Training entnommen worden war. Mit Tränen in den Augen beteuerte Gay seine Unschuld, verschwieg jedoch die Substanz die bei ihm gefunden worden sein soll. Gay beantragte die Öffnung der B-Probe. „Ich habe keine Hinweise darauf, dass irgendetwas sabotiert wurde“, sagte Gay.

Gays erstaunliche Leistungssteigerung in dieser Saison hätte bei bestätigter B-Probe eine Erklärung. Der gedrungene Sprinter aus Lexington im Bundesstaat Texas war 2013 so schnell wie seit vier Jahren nicht mehr, galt mit Saisonzeiten von 9,75 Sekunden über 100 m (Bestzeit: 9,69) und 19,74 Sekunden über 200 m (19,59) als Topfavorit für die WM in Moskau – und als größter Rivale von Superstar Bolt, der Anfang Juli in Paris mit 19,73 Gays Jahresbestmarke über 200 m knapp unterboten hatte.

Anti-Doping-Kämpfer Werner Franke wunderte sich nicht über die Nachrichten der positiv getesteten Sprinter: „Die 100 Meter sind komplett versaut. Nur so lassen sich solche Leistungen in dieser Häufigkeit erzielen“, sagte der Heidelberger Molekularbiologe: „Aber wer sich heute erwischen lässt, ist es selbst schuld. Tyson Gay scheint nicht der Hellste zu sein.“

Gay war 2012 nach elf Monaten Verletzungspause in die Weltspitze zurückgekehrt, bei den Olympischen Spielen in London hatte der Welt-Leichtathlet von 2007 mit Staffelsilber seine erste olympische Medaille gewonnen. Über 100 Meter verpasste er mit 9,80 Sekunden als Vierter eine Medaille und blieb dabei nur eine Hundertstelsekunde hinter seinem Landsmann Justin Gatlin. 2013 sollte nun sein Jahr werden, Gay war dauerhaft fit und beständig schnell. Bei seinem Europadebüt Anfang Juli glänzte er erneut mit 9,79 Sekunden.

„Ich glaube, ich habe gegen jeden in der Welt eine gute Chance. Ich muss nur gesund bleiben“, sagte Gay im Frühjahr: „Es wird Zeit, dass ich wieder eine Bestzeit laufe. Die letzte ist vier Jahre alt. Und einen großen Sieg habe ich schon sechs Jahre nicht mehr gefeiert.“ 2013 wollte er einen solchen Triumph wiederholen.

Aber anscheinend mit unerlaubten Mitteln.

Ralf Birkhan

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