Rummel lenkt Pechstein ab

Heerenveen..  Ihre schönsten Siege hat die routinierte Eisschnellläuferin in diesem Winter bereits gefeiert. Mit den jüngsten Erfolgen im Kampf um ihren Ruf hat die fünfmalige Olympiasiegerin aus ihrer Sicht bereits vor der Einzelstrecken-Weltmeisterschaft in Heerenveen für die laufende Saison alles erreicht. Sollte ihr von diesem Donnerstag an dennoch ein sportlicher Coup wie beim Weltcupsieg im November in Seoul gelingen, sieht die ehrgeizige Berlinerin dies als unverhoffte Zugabe an.

Nicht nur angesichts ihrer fast 43 Jahre nannte Claudia Pechstein eine WM-Medaille als Ziel vermessen: „Es ist zwar ein ganz großer Traum von mir, noch mal aufs Treppchen zu kommen, aber man muss realistisch bleiben.“ Zwei Plätze unter den besten Sechs wären in Ordnung, die Chancen auf eine Überraschung dürften am Freitag über 5000 Meter größer sein als an diesem Donnerstag über 3000 Meter. Am Wochenende stehen die Teamverfolgung und das Massenstartrennen an.

Komplizierte Vorbereitung

Pechstein empfand die WM-Vorbereitung als so kompliziert wie selten zuvor. Die Querelen nach dem Olympia-Debakel der medaillenlos gebliebenen deutschen Eisschnellläufer störten den Saisonaufbau im Sommer empfindlich. Zudem investiert sie weiter viel Energie, um nach ihrer zweijährigen Sperre bis 2011 rehabilitiert und finanziell in Millionenhöhe entschädigt zu werden.

Zuletzt mit bemerkenswerten Erfolgen: Eine vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) eingesetzte Kommission stellte fest, dass die medizinische Bewertung als Grundlage des Dopingurteils falsch gewesen sei. DOSB-Präsident Alfons Hörmann bezeichnete Pechstein als Opfer und bat um Entschuldigung. Sie war 2009 wegen ihrer Blutwerte ohne positive Probe vom Eislauf-Weltverband ISU gesperrt worden.

Das Oberlandesgericht München erklärte Pechsteins mit der ISU getroffene Schiedsvereinbarung im Januar für unwirksam und erkannte die Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofes CAS nicht an. „Das waren zwei wichtige, sporthistorische Erfolge, die mir sehr viel bedeuten. Da fällt es natürlich schwer, sich so vor der WM zu fokussieren, wie man es gewohnt ist“, unterstrich Pechstein.

Vor dem Auftakt war der Rummel um ihre Person selbst der öffentlichkeits-erprobten Pechstein zu viel; sie lehnte die zahlreichen Interview-Wünsche ab, um zumindest noch etwas Ruhe bei der letzten Vorbereitung auf den Saison-Höhepunkt zu haben.

Großes Lob von den Chefs

Im niederländischen Heerenveen besitzen zwar auch die Sprinter um Nico Ihle und die erst am Wochenende an gleicher Stelle überraschend im Weltcup siegreiche Judith Hesse Chancen, womöglich die von Verbandspräsident Gerd Heinze erhofften zwei WM-Medaillen zu holen. Für Robert Bartko, den Sportdirektor der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), ist indes Pechstein die Athletin, die maßgeblich für die Außendarstellung des Verbandes verantwortlich ist.

Wie zuverlässig sie ihre Leistung bringe, sei etwas ganz Besonderes. „Sie hat einen eisernen Willen“, schwärmte Rad-Olympiasieger Bartko. Cheftrainer Markus Eicher sagte, Läuferinnen mit derartigem Talent, Biss und Fleiß könne man sich nicht backen: „Dass sie immer noch Medaillenchancen hat, ist außergewöhnlich.“ Pechstein hielt sich dagegen zurück: „Ich bin dann zufrieden, wenn ich mein derzeitiges Leistungsoptimum abrufen kann.“