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Heinrich Popow ist ein Star des Behindertensports

09.09.2012 | 17:02 Uhr
Heinrich Popow ist ein Star des Behindertensports
Stolz und glücklich: Goldmedaillengewinner Heinrich Popow.Foto: Matt Dunham/dapd

London.   Der Leverkusener gewinnt bei den Paralympics in London Gold über 100 Meter. Doch sein Kollege Wojtek Czyz wirft ihm Technodoping vor.

Heinrich Popow muss seine Mutter fürchten. Sie will kochen, reichlich und fett, damit er Gewicht zulegt, langsamer wird, den Leistungssport aufgibt. Popow hat als Kind sein linkes Bein verloren, wegen eines Tumors. Seine Mutter glaubt, dass die ewige Anstrengung seinem verbliebenem Bein schade. Sie war in London im Stadion, zum ersten Mal, mit 80 000 fröhlichen Menschen. Sie sah ihren Sohn über 100 Meter rennen wie eine Rakete und Gold gewinnen, und sie hörte Interviews, die Popow zum wohl beliebtesten Paralympier Deutschlands machen. Interviews, in denen er über die Furcht vor seiner Mutter spricht. Mit Ironie, ohne Floskeln. Ein Sportler gewordenes Lächeln.

Heinrich Popow, geboren in Kasachstan, aufgewachsen im Westerwald, verkörpert die Professionalisierung des Behindertensports. „Wir werden endlich als Leichtathleten wahrgenommen“, sagt er. „Nicht mehr als Behinderte und Außenseiter.“ Die Mannschaft des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) hat die Paralympics von London auf Platz acht der Nationenwertung beendet, mit 66 Medaillen, 18 in Gold. Vor vier Jahren in Peking hatte sie Rang elf belegt: 59 Medaillen, 14 in Gold.

„Ich hatte vier Jahre nur dieses eine Ziel“

Man sollte diese Wertung nicht zu ernst nehmen, aber ein Eindruck bleibt: „Es wird weiter aufwärts gehen“, glaubt Heinrich Popow. In China hatte er Silber über 100 Meter gewonnen. „Ich hatte vier Jahre nur dieses eine Ziel.“ Popow hat in seinem Verein Bayer Leverkusen mit nichtbehinderten Athleten trainiert, er hat mit einer Agentur ein Marketingkonzept erarbeitet, er hat an seiner Prothese geschraubt, wie immer seit Beginn seiner Laufbahn. „Die Prothese ist nie wirklich fertig. So wie ich selbst.“

Der Perfektionist Popow ist ein ziemlich olympischer Paralympier. Er ist selbstbewusst, inszeniert sich – ist umstritten. Sein Kollege Wojtek Czyz aus Kaiserslautern warf ihm vor dem Finale am Freitag Technodoping vor. Nur Popow habe ein spezielles Kniegelenk zur Verfügung gestanden. Der Gescholtene wies diese Vorwürfe zurück. Genauso wie sein Partner Ottobock, der Weltmarktführer in Prothetik und Organisator der Paralympics-Werkstätten seit 1988. Seit Jahren reist Popow in die Firmenzentrale nach Duderstadt, um Fortschritte zu diskutieren. Der DBS rügte die Kritik von Czyz, doch die Funktionäre blieben gelassen: Mit der Professionalisierung kommt der öffentliche Streit.

Paralympics
Paralympics in London sind Signalwirkung für die Zukunft

Die Paralympics sind vorbei, und Herbert Kaul fährt mit einem guten Gefühl zurück nach Deutschland. Der Geschäftsführer des Behindertensportverbandes NRW (BSNW) ist „mehr als zufrieden mit dem, was wir erreicht haben“. Eine Bilanz aus NRW-Sicht.

Heinrich Popow kommt dem Etikett des Stars am nächsten, aber ein Vollprofi ist er nicht. In der Fußball-GmbH von Bayer Leverkusen ist er halbtags als System-Administrator tätig. Der Werksverein gewährt ihm Freiräume, die nicht alltäglich sind. „Wir müssen Modelle für eine duale Karriere ausbauen“, sagt Karl Quade, Chef de Mission des deutschen Teams. Zwei große Sponsoren haben die Vorbereitung auf die Paralympics von 52 Athleten unterstützt. Sie zahlten ihren Arbeitgebern einen Verdienstausfall für Training und Wettkämpfe und stellten Mittel für Material und Trainingslager zur Verfügung. Das Geld war auch für Heinrich Popow eine Ergänzung, kein ausreichendes Grundeinkommen.

„Wir haben ein Nachwuchsproblem“

Wegen ihrer Behinderungen haben die Paralympier keinen Zugang zu den Sportfördergruppen von Bundeswehr und Bundespolizei. Das will der DBS durch elf Stellen im öffentlichen Dienst ausgleichen: Die Schwimmerin Tanja Gröpper arbeitet im Statistischen Bundesamt, die Handbikerin Andrea Eskau im Bundesinstitut für Sportwissenschaft. „Wir haben ein Nachwuchsproblem“, sagt Heinrich Popow. „Wir müssen systematisch sichten, vieles passiert durch Zufall.“ Das Durchschnittsalter der 150 deutschen Paralympier liegt bei 33 Jahren. Mehrere Jugendlager aus Deutschland waren in London zu Gast. Der DBS, der sechs hauptamtliche Trainer beschäftigt, wird sein Fördersystem weiter entwickeln und dabei an die Breite denken. Das deutsche Team gewann in elf Sportarten Medaillen, einer der besten Werte.

Viele Politiker und Unternehmer haben den DBS in London besucht. Laut einer Studie des Forschungsinstituts Sport und Markt sehen 76 Prozent der Befragten die Paralympier als Vorbilder. Werden Konzerne die Behindertensportler als Werbefiguren entdecken? Heinrich Popow hätte nichts dagegen. Jeden Morgen tritt er in den sozialen Netzwerken mit Fans in Kontakt. „Das motiviert mich.“ Wegen der vielen Interviewanfragen hatte er vor den Paralympics eine Agentur mit der PR beauftragt. „Meine Freunde haben schon gefragt, ob ich Schauspieler werden möchte.“ Möchte er nicht. Auch wenn er das Zeug dazu hätte.

Ronny Blaschke



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