Ovtcharov: "Momentan bin ich echt am Zahnfleisch"

Fragen an Tischtennis-Star Dimitrij Ovtcharov nach dem Einzelsieg im Finale über Wladimir Samsonov bei den Europaspielen in Baku.

Baku.. Haben Sie sich Ihre Medaille schon ganz genau angeschaut, steht da auch irgendwo schon "Ticket nach Rio" für die perfekte Olympia-Qualifikation drauf?

Ovtcharov: Ich habe mir die Goldmedaille unserer Girls schon ganz genau angeschaut, als sie damit ins deutsche Haus eingelaufen sind. Es ist ärgerlich, dass es für uns nicht gut gelaufen ist im Team. Jetzt bin ich sehr stolz, dass ich es geschafft habe. Es war wirklich ein sehr schweres Spiel gegen meinen guten Freund Wladi, er hätte den Sieg heute genauso verdient gehabt wie ich. Es fühlt sich super an, dieses Event als Erster gewonnen und jetzt alle Titel auf unserem Kontinent errungen zu haben. Vor allem ist es ein unglaubliches Gefühl, jetzt schon sicher in Rio dabei zu sein.

Hat es eine Rolle gespielt, dass sie ihren Vereinskollegen so gut kennen?

Ovtcharov: Das ist athletischer Schach, den wir da teilweise spielen. Am Anfang überrascht er mich mit Rückhandaufschlägen, dann habe ich mich drauf eingestellt, dann ändert er etwas, dann ändere ich wieder etwas.

Gehört der Titel nach ihren Rückenproblemen auch ein bisschen den Ärzten?

Ovtcharov: Selbstverständlich war es ohne die Hilfe der Ärzte, Physios, Coaches nicht möglich. Es waren interessante Tagesabläufe in den letzten Tagen: Spiel zu Ende spielen, ein, zwei Stunden Behandlung, essen und Videoanalyse. Da war gar keine Zeit mit meiner Frau oder den Eltern zu telefonieren. Aber es hat sich gelohnt.

Wie lange dürfen Sie jetzt den Urlaub genießen?

Ovtcharov: Ich hatte zunächst eigentlich sechs, sieben Tage geplant, jetzt probiere ich ihn auf zehn Tage zu verlängern. Aber auch nur insofern der Rücken hundert Prozent gesund wird. Dann haben wir eine kurze Trainingswoche und dann geht es wieder sechs Wochen China für mich, aber nur so lange die Gesundheit mitspielt, weil momentan bin ich echt am Zahnfleisch.

Wie wichtig ist es mental, das Ticket für Olympia in der Tasche zu haben?

Ovtcharov: Ich freue mich zunächst mal, dass ich die Europaspiele gewonnen habe und nicht, dass ich das Ticket nach Rio gelöst habe. Das ist ein zusätzlicher Bonus, den du dazu kriegst. Aber als Weltranglisten-Sechster und Europameister mache ich mir genau wie Timo (Boll), der knapp dahinter steht, keine Sorgen, dass ich das Ticket in der Quali gelöst hätte. Aber es ist ein schweres Turnier mit vielen Matches kurz vor Olympia, das kann man nicht unbedingt gebrauchen, sondern ein bisschen Training schadet nicht.

Wie viel ist dieser Titel wert?

Ovtcharov: Die mediale Präsenz ist weitaus höher als bei Tischtennis-Europameisterschaften, die wir fast jährlich haben. Es macht mich stolz, dass ich der erste Spieler bin, der alle kontinentalen Wettbewerbe gewonnen hat. Das ist ein Zeichen der harten Arbeit, die ich seit Jahren mit meinen Trainern gemacht habe.

Was würden Sie ändern an diesen Europaspielen?

Ovtcharov: Bei 20 Sportarten ist es relativ schwierig, einen Termin zu finden, der allen passt. Und in Zukunft sind es vielleicht noch mehr Sportarten. Das Turnier gibt es das erste Mal. Alles muss erst einmal seinen Gang gehen und in eine gewisse Routine finden. Ich freue mich wirklich, dass wir diesen Weg eingeschlagen haben, diese Spiele auszutragen, weil es sie auf allen anderen Kontinenten schon lange gibt und sie teilweise einen höheren Stellenwert als die Weltmeisterschaften haben.