Vonn und Miller - die amerikanischen Hoffnungen
12.02.2010 | 19:59 Uhr 2010-02-12T19:59:00+0100
Vancouver.Lindsey Vonn hat einen Hygiene-Tick. Sie wäscht sich immer wieder die Hände, bloß keine Keime und Krankheitserreger aufschnappen. Im Flugzeug wechselt sie den Platz, wenn jemand in ihrer Reihe hustet. Bode Miller ist anders.
Er steht im Bergdorf Whistler an der Theke des Bistros „Soup Boutique“ und schüttelt die Hände der Fans. Bei seinem Schraubstock-Händedruck denkt man automatisch an seine Krankenkasse. Dann grinst Miller und greift in die Schale mit den Erdnüssen, die Mutter aller Keime.
Vonn und Miller sind die Stars des US-Ski-Teams und wollen beide am Wochenende Gold in Vancouver gewinnen. Miller am Samstag in Abfahrt, Vonn am Sonntag in der Kombination. Ende der Gemeinsamkeiten.
Miller ist in einer Holzhütte im Wald von New Hampshire aufgewachsen. Seine Eltern waren Hippies und verweigerten sich sogar dem Strom und einer Fernwärme-Heizung. Seine neue Freundin hat er über das Internet kennen gelernt. Vonn stammt aus einem bürgerlichen Elternhaus, ihr Vater zog mit ihr in den Nobel-Skiort Vail als klar war, über welches Talent Lindsey verfügt. Lindsey ist seit verheiratet, seit sie 23 ist und lebt mit ihrem Mann und drei Kühen auf einem Berghof im österreichischen Kaprun.
Das verrückte Genie
Miller ist das verrückte Genie, das statt Haaren gerne auch mal Stacheldraht auf den Zähnen trägt. Die US-Medien haben ihn nach seinem Scheitern bei den Winterspielen in Turin vor vier Jahren durch den Wolf gedreht und ausgespuckt. Miller sollte fünf Medaillen gewinnen, er kam ohne zurück, erzählte aber gute Geschichten von Kneipen-Touren. Rockstars dürfen das in den USA, Sport-Idole nicht. Weg mit ihm! Der König ist tot, es lebe die neue Königin.
Die heißt Lindsey Vonn, und ihr Bild in der Öffentlichkeit ist das vom fleischgewordenen amerikanischen Traum. Mit 31 Weltcup-Siegen – mehr hat keine US-Skiläuferin geschafft – hat sie die Pisten zum amerikanischen Raum gemacht. Dazu schüttelt sie im Fernsehen ihre blonde Mähne und gibt sich vor Mikrofonen so nett, dass man sie für die kleine Schwester von Bambi halten könnte.
Selbst die Hinhalte-Taktik von Vancouver verzeihen ihr die Amerikaner. Vor einer Woche ist Vonn im Training in Österreich gestürzt, niemand hat von ihrer Schienbein-Verletzung erfahren. Erst an diesem Morgen, einen Tag nach ihrer Landung in Kanada, sitzt sie auf einem Podium und erzählt davon. „Es tut höllisch weh, ich weiß nicht, ob ich überhaupt starten kann.“ Schweigen im Saal, dann besorgte Fragen.
Das arme Mädchen
Über Bode Miller wäre nach dem einwöchigen Schweigen der Sturm der Entrüstung hereingebrochen. Lügner, arroganter Pinsel! Vonn hat dagegen mit ihren Sätzen über ihre Verletzung, bei denen sie kurz mit den Tränen kämpfte, den Grundstein für eines der schönsten Sport-Melodramen seit der Erfindung des Papiertaschentuches gelegt. Wenn sie keine der fünf möglichen Medaillen gewinnen sollte, wird sie die tragische Heldin der Spiele sein. Schon bei den Spielen 2006 in Turin am Rücken verletzt, jetzt der Sturz im Training, das arme Mädchen.
Wird es doch Medaillen für sie geben, wächst ihre Heldenrolle bis in den Himmel. Trotz Verletzung hat sie die Konkurrenz in Grund und Boden gefahren: Die Spiele von Vancouver werden dann die Vonncouver-Spiele.
Das Einkommen stimmt so oder so, denn sie spielt geschickt auf der Klaviatur der Vermarktung. In der Zeitschrift Sport Illustrated, die jährlich im Februar ihre Swimm-Suit-Ausgabe mit Models in Bikinis herausbringt, ist Vonn als einziges Nicht-Model dabei. Das neue Blond-Girl sagt dazu gar nichts, sondern lässt seine Team-Kolleginnen, die ebenfalls auf dem Podium sitzen, darüber sprechen. „Ist doch gut für unseren Sport“, findet Julia Mancuso. „Es hilft uns im Kampf um mehr Aufmerksamkeit.“ Mancuso ist die Riesenslalom-Olympiasiegerin von Turin, ihren Namen kennen nur Experten.
„Ich will ein Vorbild für Amerika sein“
Es ist ein ernster Auftritt der US-Ski-Girls. Sie reden von Konzentration und davon, alles zu geben. „Ich will ein Vorbild für Amerika sein“, sagt Vonn.
Miller, dem seine Goldmedaille der WM von 2003 ins Klo gefallen ist und dem die Goldmedaille der WM 2005 in einer Kneipe gestohlen wurde, setzt dagegen auf Spaß. „Ich würde es hassen, als einer der Typen in Erinnerung zu bleiben, die taktisch fahren, um eine Medaille zu holen“, findet er. „Wenn ich Samstag bei der Abfahrt das Gaspedal finde, drücke ich es voll durch.“ Dann greift er noch mal in die Schale mit den Erdnüssen.
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