Olympia

TV-Manipulation hat Russland nicht exklusiv

Der fünfte Ring fehlt - nur nicht im russischen Fernsehen, das Bilder von der Probe zeigte.
Der fünfte Ring fehlt - nur nicht im russischen Fernsehen, das Bilder von der Probe zeigte.
Foto: imago/VI Images

Geschönte Fernseh-Bilder sind kein exklusives Markenzeichen von Russland. Was der Staatssender während der Eröffnungsfeier praktiziert hat, ist auch im Westen nicht unbekannt, wie die Fußball-Europameisterschaft 2012 zeigte. Ein Kommentar.

Sotschi.. Zensur gehört zu Russland wie Schnee zu Sibirien. Daher überrascht weniger die Fernseh-Manipulation einer Panne während der Eröffnungsfeier als die Aufregung darüber. Obwohl sich während der Eröffnungsfeier eine stilisierte Schneeflocke nicht zum fünften olympischen Ring entfaltet hatte, waren auf den russischen Bildschirmen alle fünf Ringe zu sehen. Das Staatsfernsehen hatte kurzerhand das korrekte Bild von der Generalprobe in die Übertragung montiert, die nicht – wie vorgetäuscht – live, sondern um wenige Minuten zeitversetzt war. Warum, wissen wir jetzt.

„Wir wollten den Menschen eine perfekte Schau liefern“, lautete die entwaffnend ehrliche Begründung, durch die sich alle bestätigt sehen, die in Putins Spielen ein gigantisches Blendwerk sehen. Im konkreten Fall allerdings darf nicht unterschlagen werden, dass Russland die Manipulation von Fernseh-Bildern nicht exklusiv hat. Beschränkt sich diese Praxis doch keineswegs nur auf Länder oder Organisationen, die keine lupenreinen demokratischen Strukturen haben. In guter Erinnerung sind noch die von der Europäischen Fußball-Union zu verantwortenden Täuschungsmanöver während der Europameisterschaft 2012.

So ließ eine Szene, in der Joachim Löw einen Balljungen neckte, auf eine bemerkenswerte Coolness des Bundestrainers während des Spiels gegen Holland schließen. Das Dumme war nur, dass sich dieses Scharmützel bereits vor dem Anpfiff ereignet hatte. Der Ärger über diese Trickserei war kaum abgeebbt, da sahen die TV-Zuschauer nach Italiens zweitem Tor im EM-Halbfinale gegen Deutschland eine augenscheinlich aus Enttäuschung weinende Zuschauerin, die ihre Tränen in Wahrheit vor Rührung beim Abspielen der Nationalhymne vergossen hatte. Das mag harmlos klingen. Aber wohin die Reise führt, zeigt die Vertuschung von Bildern randalierender Fans in den Stadien durch die Fernseh-Regie der Uefa und der Fifa.

Das IOC sitzt mit im Boot

Die Motivation für jede – nebenbei: in den USA perfektionierte – Inszenierung, die es mit der Wirklichkeit nicht so genau nimmt, ist überall gleich: Dem Fernseh-Publikum soll eine möglichst makellose, Emotionen auslösende Show gezeigt werden. Im aktuellen Fall von Sotschi konnte IOC-Sprecher Mark Adams die Aufregung denn auch partout nicht verstehen: „Ich sehe nicht“, sagte er, „was das Problem ist.“ Eine Einstellung, die noch einmal deutlich macht: Bei allem, was in Sotschi geschieht, sitzt das IOC mit im Boot.

P.S.: Ob die Bilder des während der Eröffnungsfeier eingeschlafenen Ministerpräsidenten Medwedew dem russischen Zensor zum Opfer fielen, wissen wir nicht. Ahnen aber, dass Staatschef Putin darüber nicht amüsiert war. Weitere Konsequenzen wollen wir uns lieber nicht vorstellen ...

Seite