Neuer IOC-Präsident Bach ist ein Stratege und Strippenzieher

Der neue Herr der Ringe: Thomas Bach aus Tauberbischofsheim.
Der neue Herr der Ringe: Thomas Bach aus Tauberbischofsheim.
Foto: Getty Images
Was wir bereits wissen
Ein Reformer oder Visionär war nicht gefragt. Mit Thomas Bach ist das IOC erwartungsgemäß auf Nummer sicher gegangen und hat einen Mann an seine Spitze gewählt, der zu einer Organisation passt, in der hinter den Kulissen Strippen gezogen werden. Ein Kommentar von Reinhard Schüssler.

Essen.. Der Mann ist am Ziel. Glauben wir den reflexartigen Lobpreisungen der Sport- und Politik-Prominenz, dann ist Thomas Bachs Wahl zum IOC-Präsidenten vor allem gut für Deutschland. Für den Weltsport ist sie es eher nicht. Nach dem Intermezzo mit dem Belgier Jacques Rogge gilt der 59-jährige Tauberbischofsheimer als adäquater („würdiger“ klänge zynisch) Nachfolger des Rogge-Vorgängers Juan Antonio Samaranch. Der Spanier hatte das Internationale Olympische Komitee zu einem Weltunternehmen ausgebaut, aber auch in seine größte Glaubwürdigkeitskrise gestürzt.

Rogge verbesserte zwar zunächst das Image des IOC dank seiner persönlichen Integrität, seinen Ansprüchen im Kampf gegen die Dauerbedrohungen des Sports – Doping, Korruption, Gigantismus – konnte er jedoch nicht gerecht werden. Der exklusivste Klub der Welt, der sich wie ein Geheimbund verhält und Transparenz so schätzt wie ein Winzer die Reblaus, hatte ihn zermürbt. Von Bach, der nicht erst im Wahlkampf ein befremdliches Verständnis von Meinungsfreiheit offenbarte, erwartet erst gar keiner Reformen oder gar Visionen. Nicht die Kritiker des IOC-Systems, vielmehr deren Protagonisten können auf den Deutschen zählen.

Bach als Netzwerker

Wer die Biografien des nun mächtigsten Mannes im Weltsport studiert, stößt immer wieder auf drei Begriffe: Stratege, Strippenzieher, Netzwerker. Wie generalstabsmäßig der Jurist seine Funktionärskarriere plante, ist vor seiner Wahl noch einmal durch das einflussreiche kuwaitische IOC-Mitglied Ahmad Al-Sabah öffentlich gemacht worden. Es gebe, verriet der Bach-Befürworter, „eine Abmachung seit zwölf Jahren“.

Dieser Zeitraum ist allerdings zu kurz gegriffen. Zum Steigbügelhalter für Bachs Karriere avancierten gleich drei Schwergewichte. Der ehemalige Adidas-Chef Horst Dassler, der als einer der ersten das wirtschaftliche Potenzial des Sports erkannte und die großen Verbände mit einem Korruptions-Netzwerk überzog, öffnete dem mit Finten vertrauten Fechter die Türen zum Big Business. Willi Daume, der längst entzauberte, langjährige NOK-Präsident, räumte für seinen Zögling den Platz im IOC. Samaranch schließlich baute den ihm bedingungslos ergebenen Deutschen zu seinem potenziellen Nachfolger auf.

Der Plan ist aufgegangen. Das IOC hat einen Präsidenten, der zu ihm passt und der jetzt in einer Reihe mit Fifa-Boss Sepp Blatter steht, dem zweiten großen Drahtzieher des Weltsports. Wenn sich dennoch eine Hoffnung mit Bachs Erklimmung des Funktionärs-Olymps verbindet, dann diese: Wer seinen Ehrgeiz befriedigt hat, ist gewöhnlich eher bereit, Wagnisse einzugehen. In diesem Fall könnte die Entscheidung von Buenos Aires doch noch als gute Wahl in die Sportgeschichte eingehen.