Die zehn größten Olympischen Skandale

Erster, bis zur Dopingprobe: Ben Johnson.
Erster, bis zur Dopingprobe: Ben Johnson.
Foto: imago sportfotodienst
Was wir bereits wissen
In acht Tagen beginnen die Olympischen Sommerspiele in London, das größte Sportereignis der Welt. Olympia hat uns viele besondere Augenblicke beschert. Wir blicken bis zum Beginn der Spiele in loser Folge zurück – im dritten Teil auf zehn Skandale, kleine Betrügereien und große Machenschaften.

Essen.. Übrigens ist das keine Erfindung der Neuzeit – schon bei den antiken Spielen, genauer: im Jahr 67 n. Chr., bestach der römische Kaiser Nero die griechischen Schiedsrichter mit einer Million Sesterzen. Er stürzte dann zwar beim Wagenrennen, wurde aber dennoch zum Olympiasieger erklärt.

1908 in London: Marathonläufer Dorando Pietri wird disqualifiziert.

Es war auf Goldkurs. Der Italiener Dorando Pietri lief beim Marathon in London auf den Olympiasieg zu – mit einem Vorsprung von über zehn Minuten erreichte er das Stadion, doch die letzten Meter wurden zur Tragödie. Der erschöpfte Pietri konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Minutenlang versuchte er, sich über die Ziellinie zu robben. Bis ihm ein Kampfrichter wortwörtlich unter die Arme griff. Die US-Amerikaner legten Protest ein. Der zweitplatzierte John Hayes wurde zum Olympiasieger erklärt. Kleiner Trostpreis: Die englische Königin rührte das Drama im Stadion zu Tränen – und überreichte Pietri einen Tag später einen Goldpokal.

1960 in Rom, 1964 in Tokio: Die Geschwister Press erregen Aufsehen – auch durch ihr Aussehen

Sie waren die besten, die stärksten – aber waren sie auch Frauen? Anfang der 1960er-Jahre dominierten die Schwestern Tamara und Irina Press aus der Ukraine die Leichtathletik, teilten sich die Goldmedaillen in den Disziplinen 80m Hürden, Fünfkampf, Kugelstoßen und Diskuswurf. Doch nicht nur ihre Leistungen, auch ihr bulliges, maskulines Auftreten erstaunte die Konkurrenz. Nicht nur Spötter sprachen alsbald von den „Press Brothers“, vermuteten, dass die beiden neben weiblichen auch männliche Geschlechtsmerkmale aufwiesen. Und als der Internationale Leichtathletik-Verband beschloss, zur EM 1966 Geschlechter-Tests durchzuführen, endete die Karriere der Press-Geschwister abrupt. Der russische Verband zog das Duo aus dem Verkehr. Sie absolvierten keinen Wettkampf mehr.

1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles: Boykotte bedrohen die Olympischen Spiele

Die Berliner Mauer stand bereits, doch bei Olympia gab es selbst 1964 noch ein gesamtdeutsches Team. Doch diese Trennung zwischen Politik und Sport ging verloren: Als die Sowjetunion Ende 1979 in Afghanistan einmarschierte, nutzten die USA Olympia als Bühne, zur Machtdemonstration – und boykottierten die Spiele in Moskau. 62 Länder schlossen sich an, darunter, nach heftigen Debatten, auch Deutschland. Übrigens: Afghanistan selbst boykottierte die Spiele nicht. Vier Jahre später revanchierte sich die UdSSR – und blieb den Sommerspielen in Los Angeles fern. Mit ihnen fehlten fast sämtliche Staaten des damaligen Warschauer Pakts. Das Ende des Kalten Krieges beendete auch die sportlich unsinnigen Boykotte.

1936 in Berlin: Die Halbjüdin Helene Mayer erhebt ihren Arm zum Hitler-Gruß

Die Nazis verbieten der Jüdin Gretel Bergmann kurz vor Beginn der Spiele den Start im Hochsprung – und bringen sie so um den möglichen Olympiasieg. Um die US-Amerikaner nicht zu einem Boykott zu verleiten, nominiert das NS-Regime jedoch Helene Mayer. Die Fecht-Olympiasiegerin von 1928 – groß, blond, blauäugig – war 1933 von ihrem Offenbacher Klub wegen ihres jüdischen Vaters ausgeschlossen worden. In Berlin verpasst Mayer den zweiten Olympiasieg (das Gold geht an die ungarische Jüdin Ilona Elek), aber ihre Silbermedaille führt dennoch zu einem beklemmenden Moment: Bei der Siegerehrung reckt die Halbjüdin Mayer den rechten Arm zum Hitler-Gruß.

1912 in Stockholm: Jim Thorpe wird der „König der Athleten“

Jim Thorpe war ein Jahrhundert-Talent. Als er 1912 den Zehnkampf gewann, gratulierte ihm der schwedische König Gustav V. mit den Worten: „Sie sind der größte Athlet der Welt. Ich betrachte es als Ehre, ihre Hand zu schütteln.“ Der US-Amerikaner mit den indianischen Wurzeln, geboren als Wa-Tho-Huk (Leuchtender Weg), holte ohne spezielles Training, ohne Trainer die Goldmedaillen im Fünf- und Zehnkampf. Sein Talent war einzigartig, er spielte Baseball und Football mit einer Klasse, die ihn heute reich gemacht hätte. Damals reichte es nur zum Überleben. Ein Jahr nach seinem Olympiasieg kam heraus, dass er Geld angenommen hatte – ein Verstoß gegen die Amateurregeln des IOC. Die Medaillen wurden ihm aberkannt, Thorpe wurde auf Lebenszeit gesperrt. Im März 1953 starb er: verbittert, verarmt und dem Alkohol verfallen, in einem schäbigen Wohnwagen.

1956 in Melbourne: Das Blutbad im Wasserball

Es war ein Symbol des Widerstands gegen die Sowjetunion. Am 6. Dezember 1956, kurz nach der brutalen Niederschlagung des ungarischen Aufstands gegen die Sowjet-Gewaltherrschaft, traf das ungarische Wasserball-Team auf die sowjetische Mannschaft. Als die Ungarn mit 4:0 führten, wurde ein Ungar von einem Russen per Faustschlag verletzt; Die Augenbraue platzte auf, Blut lief ihm über das Gesicht. Die Emotionen kochten über, die Polizei musste eingreifen, das Spiel wurde abgebrochen – und für Ungarn gewertet. Das Team holte Gold.

1988 in Seoul: Boxer Roy Jones jr. wird um sein Gold betrogen

Immer und immer wieder trafen seine Fäuste den bemitleidenswerten Südkoreaner Si-Hun Park. Roy Jones junior schlug in den drei Runden des olympischen Finals im Leicht-Mittelgewicht auf Park ein. 86 Treffer zählte die „New York Times“ später, für Park – der in Runde 2 angezählt werden musste – wurden gerade mal 32 notiert. Und dann? Wurde der Südkoreaner bei seinem „Heimspiel“ in Seoul mit 3:2 Richterstimmen zum Sieger erklärt. Eine Farce, ein Skandal. Der Geruch der Bestechung war beißend – die Kampfrichter wurden suspendiert, das Wertungssystem verändert. Und Roy Jones jr, der verhinderte Olympiasieger, wurde zur Box-Legende, holte als Profi vier WM-Gürtel in vier verschiedenen Gewichtsklassen. Park blieb als Profi erfolglos.

1976 in Montreal: Ein Technik-Trickser fliegt auf

Der sowjetrussische Moderne Fünfkämpfer Boris Onischtschenko verbarg im Griff seiner Fechtwaffe ein siegbringendes Geheimnis. Immer, wenn er mit dem Ringfinger an einen von ihm illegal angebrachten Kontaktknopf tippte, leuchtete bei der Trefferansage ein farbiges Licht auf, auch dann, wenn Onischtschenkos Gegner gar nicht getroffen worden waren. Ein britischer Gegner schöpfte Verdacht. Die Untersuchung bestätigte den Verdacht. Die Russen wurden disqualifiziert, Onischtschenko auf Lebenszeit gesperrt.

1984 in Los Angeles: Das Drama der Gabriele Andersen-Schieß

Warum hilft ihr keiner? Es ist ein schockierender, ein gruseliger Anblick, den Gabriele Andersen-Schieß den Zuschauern, den Millionen am Fernsehen, bietet. Die Schweizer Marathonläuferin wankt bereits, als die in das Olympiastadion von Los Angels einbiegt. Völlig dehydriert, völlig abwesend, torkelt sie in der kalifornischen Hitze über die Tartanbahn. 600 Meter muss sie noch absolvieren. Und die Offiziellen? Die Kampfrichter? Wirken bei diesem ekelhaften Schauspiel wie Voyeure nach einem Verkehrsunfall. Knapp sechs Minuten dauert das Drama – dann bricht Andersen-Schieß im Ziel zusammen.

1988 in Seoul: Aus dem Wundersprinter Ben Johnson wird der bekannteste Doper der Welt

Es sollte das bis dato größte Sprint-Rennen der Geschichte werden – es wurde zum größten Skandal. Der kanadische Sprinter Ben Johnson (Foto oben), muskelbepackt wie ein Möbelschlepper, der eine Waschmaschine werfen kann, demoralisierte die US-Sprintlegende Carl Lewis, gewann die 100 Meter in 9,79 Sekunden. Einen Tag lang war er der Held – dann die Bombe: Doping. Johnson war positiv auf das anabole Steroid Stanozolol getestet worden. Seine Erklärungsversuche endeten obskur: Sein Rivale Lewis habe ihm über einen Mittelsmann vor der Dopingkontrolle die verbotene Substanz ins Bier geschüttet. Olympia