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Olympia-Neulinge veredeln im Kanu den goldenen Donnerstag

09.08.2012 | 21:50 Uhr
Olympia-Neulinge veredeln im Kanu den goldenen Donnerstag
Die deutschen Kanuten sind erflolgreich am Eton Dorney Lake: Kretschmer und Kuschela rasten am Donnerstag zu Gold.Foto: AFP

London.  Mit drei Gold-, einer Silber- und zwei Bronzemedaillen hat der Deutsche Kanu-Verband seine Vorgaben fast schon erreicht. Vier Finals stehen noch aus. Am Donnerstag jubelte das Team um Franziska Weber und Tina Dietze, sowie das Duo Peter Kretschmer und Kurt Kuschela über Gold.

Franziska Weber lacht gern und oft. Die 23-Jährige scheint immer gut drauf zu sein. Sie schmunzelte auch, als sie am Mittwoch nach ihrem zweiten Platz mit dem deutschen Kajak-Vierer den Reporter dieser Zeitung fragte, ob er mal testen wolle, wie schwer so eine olympische Medaille sei. Das Urteil: Ganz schön massiv. 400 Gramm. „Wie es wohl wäre, wenn man zwei Medaillen um den Hals hängen hat?“, fragte sich die Potsdamerin. Franziska Weber hat sich die Antwort gestern selbst gegeben. 24 Stunden nach Silber mit dem Vierer holte sie sich Gold im Zweier mit ihrer Partnerin Tina Dietze. Es war ein goldener Donnerstag für den Deutschen Kanu-Verband am Eton Dorney Lake, denn auch der Zweier-Canadier Peter Kretschmer und Kurt Kuschela fuhr als Olympiasieger über die Ziellinie. Der goldene Donnerstag war ein Verdienst der jungen Wilden. Die vier Gold-Garanten sind allesamt Olympia-Neulinge. Kretschmer ist erst 20, Kuschela und Weber sind beide 23, Dietze 24 Jahre alt.

Weber: "Ich bin Kanutin, weil es mir Riesenspaß macht.“

Warum sind die deutschen Kanuten so gut? Das ist die meist gestellte Frage am Ufer des Lake Dorney. Mit drei Gold-, einer Silber- und zwei Bronzemedaillen hat der DKV seine Vorgaben nach acht der zwölf Finals fast schon erreicht. Ziel waren sieben Medaillen im Rennsport, davon drei in Gold. „Wir sind fleißig, wir haben ein gutes Umfeld und wir sind mit Leidenschaft dabei“, beantwortet Franziska Weber die Gretchenfrage. Die Studentin sieht gut aus, ist erfolgreich, hat Ausstrahlung und erfüllt so die wichtigsten Voraussetzungen, um ihre  zwei Medaillen zu versilbern. Wäre sie Schwimmerin oder gar Sprinterin, könnte sie jetzt mit dem Sichten der Sponsorenverträge beginnen. „Aber ich kann nicht schwimmen“, entgegnet die Kanutin, die bisher keinen Manager brauchte und ihn wohl auch in Zukunft nicht benötigen wird: „Wer mit mir werben will, gerne, hier bin ich! Aber wenn du paddelst, dann machst du es nicht, weil du reich werden willst. Ich bin auch so glücklich. Ich bin Kanutin, weil es mir Riesenspaß macht.“

Kommentar
Verbände können von Kanuten lernen

Die Kanu-Erfolge sind kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis sehr gut durchdachter Planung. Der Deutsche Kanu-Verband setzt auf Zentralisierung und  ein knallhartes Qualifizierungssystem. Andere Verbände einiges von den Kanuten lernen.

Und auch Webers Potsdamer Klubkollegen Peter Kretschmer und Kurt Kuschela werden in Zukunft bei einem Abstecher in die Hauptstadt unbeschwert und unerkannt über den Kudamm schlendern können. Zumindest bei Kretschmer käme auch niemand auf die Idee, in dem schlanken 20-Jährigen einen Canadier-Olympiasieger zu vermuten. Als Kretschmer auf dem obersten Podest bei der Nationalhymne schlucken musste, um seine Emotionen im Griff zu behalten, überragte ihn der eine Stufe tiefer neben ihm stehende zweitplatzierte Weißrusse. „Ich bin 1,75 Meter groß und wiege 70 Kilo. Bachdanowitsch misst 1,97 Meter und bringt 100 Kilo auf die Waage“, hat Kretschmer die Daten sofort parat. Und wie ist es möglich, dass er trotzdem mit seinem Partner die Modellathleten mit den breiten Schultern und kräftigen Armen abhängt? Der angehende Bundespolizist kennt die Frage. Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass er sie bantworten muss. Im Mai setzten sich Kretschmer/Kuschela bereits in der internen Qualifikation gegen die ebenfalls körperlich weit überlegenen Weltmeister Tomasz Wylenzek/Stefan Holtz (Essen/Leipzig) durch. „Die müssen erst einmal ihre Masse durch das Wasser bewegen“, erklärt Kretschmer, „wir liegen nicht so tief im Wasser uns spielen unsere gute Technik aus.“

Kretschmer und Kuschela seit zwei Jahren zusammen im Canadier

Vor einigen Wochen war das deutsche Canadier-Duo nur Experten ein Begriff. Doch bei ihrem ersten großen internationalen Auftritt zeigten sie keine Nerven. „Das war unser großer Vorteil“, erzählt der angehende Feuerwehrmann Kuschela, „wir hatten hier nichts zu verlieren. Wenn wir Achter geworden wären, hätte sich doch niemand beschwert. Aber wir wussten, wenn wir unser Ding durchziehen, ist was drin.“

Kretschmer und Kuschela knien seit zwei Jahren zusammen im Canadier. Tag für Tag haben sie sich in der starken Potsdamer Trainingsgruppe, zu der auch der Einer-Olympiasieger Sebastian Brendel zählt, für das große Ziel gequält. „Bei uns geht es in jeder Einheit voll zur Sache. Schließlich sind hier nur die Besten“, sagt Kretschmer. Die beiden Olympiasieger sind auch privat die besten Freunde, wie sie betonen. Fast schon wie ein altes Ehepaar seien sie, meint Kuschela. Während sie oft von ihren Freundinnen getrennt seien, hocken Kretschmer und Kuschela das ganze Jahr zusammen.  Manchmal würden sie sich auch auf den Geist gehen, geben sie zu. Nach den Monaten der Schinderei ist jetzt erst einmal Feiern angesagt. „Heute lassen wir im Deutschen Haus die Sau raus“, sagt Kurt Kuschela. Sein Partner Kretschmer, Franziska Weber und Tina Dietze sind mit dabei. Ihre besten Stücke aus Gold nehmen sie mit. Den Olympiasiegern fällt im Moment alles leicht.

Thomas Lelgemann



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