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Noch einmal jubeln

05.09.2007 | 07:20 Uhr

Dariusz Wosz beendet am Samstag mit einem Abschiedsspiel seine Karriere. Obwohl er einst zum Wechsel nach Bochum gezwungen werden musste, stieg er beim VfL zum Kultfußballer auf

Bochum. Es steht in seinem Gästebuch und klingt wie eine Liebeserklärung: "Bochum ohne Dariusz Wosz ist wie Skiurlaub ohne Schnee." Jede anständige Ehe kennt diese guten, zärtlichen Tage, die niemals enden mögen. Aber es gibt halt auch die schlechten, wenn Tassen und Teller fliegen, Türen knallen. Dariusz Wosz und der VfL Bochum haben das alles durchlebt, durchlitten und genossen - in dreizehn langen und wechselvollen Jahren, zwischenzeitliche Trennung inklusive. Am Samstag verabschiedet sich der 38-Jährige im rewirpower-Stadion vom Profifußball und vor allem von seinen Bochumer Fans, deren Zuneigung ihm fehlen wird.

Denn sie haben ihm ja rasend schnell verziehen vor sechs Jahren, nachdem er zurückgekehrt war aus Berlin. Keiner dachte mehr an den aus enttäuschter Liebe abgefackelten Trabbi, an die Querelen und den bitteren Beigeschmack, den sein Wechsel in die Hauptstadt hinterlassen hatte. Auch nicht die Verantwortlichen des VfL, die damals das Geschäft ihres Lebens gewittert hatten. Wenn sie denn schon ihren Nationalspieler gehen lassen mussten, dann wollten sie die Gelegenheit nutzen und sich mit einem Schlag entschulden. Was möglich gewesen wäre. Valencia saß eine Zeit lang im Bieterboot, Paris St. Germain kam hinzu. Es ging um eine zweistellige Millionensumme. Nur war das alles Dariusz Wosz, dem Jungen aus Halle, geboren in Kattowitz, prominent geworden in Bochum, jawohl in Bochum, nicht ganz geheuer. "Ich war lieber auf der sicheren Seite", sagt er heute, und "vielleicht", räumt er ein, bedauere er nun doch ein wenig, dass er sich das Angebot der Franzosen damals "nicht einmal angehört" hat.

Berlin wurde es also, und mit etwas mehr als fünf Millionen Mark in der Kasse und allerhand Groll im Herzen ließen sie ihn ziehen, die Bochumer - nicht ohne den Austausch von Unfreundlichkeiten. "Man hätte mir das anders beibringen müssen", sagt er im Rückblick. Es waren keine guten Zeiten für eine gute Ehe. Und die Erinnerung an das zärtlich "Zaubermaus" gerufene Bochumer Idol und seine Omnipräsenz auf dem Rasen in dieser sensationellen Saison, die den VfL in den Uefa-Cup und damit nach Amsterdam, Brügge und Trabzon führte, verblasste allmählich.

Krach hatte es indes bereits zu Beginn dieser ambivalenten, oft schwierigen, aber immer wieder auch innigen Beziehung gegeben. Dariusz Wosz, zu Beginn der Neunziger Jahre eines der begehrten Osttalente und beim darbenden Halleschen FC in Lohn und Brot, hatte, wie andere auch, einen Vorvertrag beim VfL Bochum unterschrieben. Danach, erinnert sich Wosz, "hat sich ein Jahr lang keiner mehr um mich gekümmert in Bochum". Genug Zeit, um nachdenklich zu werden und die Offerten anderer, renommierterer Klubs zu studieren. Der unbedarfte Junge aus Halle entdeckte seinen Marktwert, begann sich zu verweigern und wurde doch nach Bochum gezwungen - per DFB-Recht. Ein Kuriosum, denn die Interessenten standen Schlange. Monaco, Hamburg, auch Schalke, alle wollten Wosz, den sogar der "Sonnenkönig" zu Tisch bat. Günter Eichberg, so der 38-Jährige, habe ihn seinerzeit von Gelsenkirchens Vorzügen überzeugen wollen. Vergeblich, der Richter hatte das letzte Wort.

Weil Dariusz Wosz den Ball aber noch mehr liebt als die Kluft, die er trägt, wenn er sein Lieblingsspielzeug mit geschickten Füßen bewegt, und weil er sich keinen Kopf macht über die Widrigkeiten des Lebens, flogen ihm rasch die Herzen zu auf den Tribünen des Ruhrstadions. Der rastlose Wanderer zwischen den Strafräumen verkörperte bald die Marke VfL Bochum, wie es kein anderer vermocht hätte. Klein von Wuchs, groß in der Leistung - hätte es damals schon Marketing-Strategen an der Castroper Straße gegeben, sie wären wohl in lauten Jubel ausgebrochen.

Inzwischen gibt es sie, und natürlich haben sie ihn zum "Bochumer Jungen" ernannt. Der schaut nun mit ein wenig Verwunderung auf diese so belastbare Ehe zurück: "Ich hätte nie gedacht, dass ich in Bochum so eine Karriere machen würde."

Von Michael Eckardt

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