Neustart mit vielen Baustellen

Berlin..  Der Moment, in dem Borussia Dortmund wieder in der Gegenwart ankommen und in die Zukunft blicken soll, steht unmittelbar bevor. In den nächsten Tagen will der Bundesligist seinen neuen Trainer Thomas Tuchel offiziell präsentieren. Die zeitliche Nähe zu Jürgen Klopps Abschied ist eine gut gewählte und sicher nicht zufällig. Seit Wochen wirkt der ganze Verein so, als befinde er sich auf einer Reise durch die Vergangenheit, durch die sieben Klopp-Jahre. Und am Ende dieser siebenwöchigen Abschiedstour schienen alle Schwarzgelben emotional ausgelaugt zu sein. Daher wird es Thomas Tuchel sehr daran gelegen sein, möglichst schnell eine Aufbruchstimmung zu erzeugen, die der BVB dringend nötig hat.

Diese Erkenntnis haben die letzten 90 Minuten unter Jürgen Klopp gebracht. Der wechselwillige Ilkay Gündogan wird den Neuanfang unter Tuchel eher nicht begleiten. Er nannte das 1:3 ein Spiegelbild der Saison: „Wir geben uns schon Mühe, aber am Ende verlieren wir teils durch eigene Dinger, teils durch Pech.“ Mats Hummels beklagte, „dass bei ein paar Leuten ein bisschen Unsicherheit aufkam“. Der Kapitän zählt selbst mit seinen Kollegen in der anfälligen Abwehrkette zu den Baustellen, die Tuchel zu schließen hat.

Vor den Schwarzgelben liegt ein ereignisreicher Sommer – in jederlei Hinsicht. Die Gündogan-Personalie ist nur eine von vielen ungeklärten. Sieht es Tuchel genauso wie zuletzt Klopp, dass Mitch Langerak zwischen den Pfosten der Bessere ist? Und kann sich die langjährige Nummer 1 Roman Weidenfeller damit abfinden, nur noch Ersatz zu sein? Was passiert mit Ciro Immobile, Kevin Großkreutz, Erik Durm oder Marcel Schmelzer?

In der letzten Saison hat der BVB viel, viel Geld verbrannt bei Spielerverpflichtungen, die das Versprochene nicht hielten. Sportdirektor Michael Zorc hatte jüngst ausgeschlossen, einen großen personellen Umbruch in die Wege leiten zu müssen. Gut möglich, dass der neue Trainer das anders sieht – und zumindest bei den Ablösesummen Augenmaß behält. Bei den bisherigen Verpflichtungen von Gonzalo Castro (11 Millionen Euro/Bayer Leverkusen) und Julian Weigl (2,5 Millionen/1860 München) wird es nicht bleiben.

Hindernisse in der Vorbereitung

Schließlich will Tuchel ja auch seine eigene Spielphilosophie umsetzen. Was schon angesichts des Terminkalenders im Juni und Juli nur mühselig funktionieren dürfte. Als der 41-Jährige noch in Mainz tätig war, hat er seiner Mannschaft in ­intensiven Saisonvorbereitungen sein Spielsystem eingebläut. Die Zeit hatte er dort im Regelfall, bei seiner zweiten Station im Profifußball kämpft Tuchel mit anderen Startschwierigkeiten: Er muss das eingeschlafene Potenzial mehrerer Leistungsträger wecken. Die schwarz-gelben Nationalspieler sind wegen der Länderspiele noch bis Mitte Juni am Ball, unmittelbar nach dem Trainingsauftakt am 30. Juni geht es für eine Woche auf PR-Tournee nach Tokio und Singapur. Und durch die Pokalniederlage muss die Borussia im Anschluss ans Trainingslager am 30. Juli in die dritte Qualifikationsrunde zur Europa League einsteigen. Viele Faktoren, die Tuchels Start in Dortmund massiv beeinflussen können.

Überzeugt von Neuausrichtung

Dortmunds Vereinspräsident Reinhard Rauball geht jedenfalls davon aus, in Tuchel den richtigen Mann für die Neuausrichtung engagiert zu haben: „Er ist ein überragender taktischer Trainer, stellt die Mannschaft so ein, dass sie den Fußball spielt, den unser Publikum liebt. Wir sollten ihm die nötige Rückendeckung geben, die jemand braucht, der in Jürgen Klopps große Fußstapfen tritt.“ Von Thomas Tuchel wird nichts weiter erwartet, als den BVB wieder an den eigenen Anspruch heranzuführen.